Die Königin der Orchard Street

Die_Königin_der_Orchard_StreetDie Königin der Orchard Street | Susan Jane Gilman | Insel | erschienen 2015
ISBN 978-3-458-17625-1 | 19.95€
Leseprobe

Über Susan Jane Gilman:
Gilman wurde in New York geboren und wuchs dort auf. Sie studierte Kreatives Schreiben an der Universität von Michigan und hatte bereits drei Sachbücher veröffentlicht, bevor sie Die Königin der Orchard Street schrieb.
Neben ihrer Tätigkeit als Autorin, hat sie auch eine Zeit lang eine Buch-Sendung in einem Schweizer Radiosender mitmoderiert.
Sie lebt in Genf und New York.
Quelle: Insel, Gilmans Blog

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wandert Malkas Familie aus Russland nach Amerika aus, wie Tausende andere in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Dieser Traum bewahrheitet sich für die Familie zunächst nicht. Doch Malka ist klug und lernt schnell, sich auf der Straße durchzuschlagen – bis zu dem Tag, als sie von einem Eiswagen überfahren und zum Krüppel gemacht wird. Papa Dinello, der Eisverkäufer, nimmt sie daraufhin bei sich auf und weiht sie in der Herstellung des Eises ein. Mit ihrer Cleverness arbeitet sich Malka Bialystoker von der Lower East Side zu Lilian Dunkle, der „Eiskönigin Amerikas“, hoch.

Bücher mit diesem Thema liebe ich einfach: ein armes Kind schafft durch harte Arbeit und Cleverness den Aufstieg von ganz unten nach ganz oben. Am liebsten sind mir dabei natürlich die Bücher über Frauen, denen ein solcher Aufstieg gelingt. Und egal ob fiktionaler oder realer Charakter: ich liebe es, in deren Zeit zu versinken.
Dass es die Eiskönigin, deren Geschichte in diesem Buch erzählt wird, nicht gegeben habe soll, will man gar nicht glauben. So realistisch werden Lillian und ihre Zeit  dargestellt, das man sie bildlich vor sich sieht.
Das Buch ist in Form eines Berichts mit Rückblenden aufgebaut und von Anfang an habe ich mir eine alte Dame mit eisernem Willen vorgestellt, die gerne mal grummelt. Da es aus der Ich-Perspektive geschrieben war, konnte man sich gut in sie einfühlen und auch wenn sie und ihre Entscheidungen mir teilweise nicht wirklich sympathisch waren, konnte man sie doch nachvollziehen. Ihre Geschichte hat mir manchmal Tränen in die Augen getrieben, ich habe vor Freude gelacht und Bewunderung empfunden für eine Frau, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz nicht unterkriegen lässt. In einer von Männern dominierten Welt arbeitet sie sich zur Matriarchin über ein Eisimperium hoch und geht dabei keiner Konfrontation aus dem Weg.
Lillian Dunkle ist ein Charakter ganz nach meinem Geschmack: sie verzweifelt an keiner der Herausforderungen, vor die das Leben sie stellt, rappelt sich immer wieder auf und ist dennoch nicht fehlerlos. Sie hat keinerlei gesundes Urteilsvermögen, wenn es um ihre Familie geht. Aber ihre Makel machen sie umso realistischer. Sie hat mir auch so gut gefallen, weil sie in gewisser Form ganz anders ist als die normalen Heldinnen historischer Romane. Sie verlässt sich nie auf jemand anderen als sich selbst, nicht einmal, als sie den Mann ihrer Träume heiratet, und ruht sich nie auf ihrem Erfolg aus. Sie greift dem Glück gerne mal ein wenig unter die Arme und schämt sich dessen auch nicht. Es scheint sie nicht zu kümmern, was andere von ihr denken (ausgenommen ihre Familie) und auch dass hat sie mir sympathisch gemacht. Sie ist stolz auf ihr Leben und ihre Leistungen, auch wenn man meinen könnte, dass sie manchmal ein wenig zu stolz ist. Sie ist eine Lady, die mit ihren Ansichten gut in moderne Zeiten passen könnte und doch von altem Schlag ist.
In meinen Augen ist Gilman das Kunststück gelungen, einen absolut fesselnden Roman zu schreiben, mit einer Protagonistin, die man manchmal nicht versteht, sie manchmal gar als unsympathisch empfindet. Ganz nebenbei gibt das Buch einen anschaulichen Einblick in das Amerika des 20. Jahrhunderts und deckt nahezu das gesamte Jahrhundert. Von dem Leben der Einwanderer, der Ärmsten der Armen, hin zu den ausschweifenden Partys der Superreichen, über die Stellung der Frau und die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs. Und sie geht nicht nur auf die großen Ereignisse ein, sondern entführt einen (zwangsläufig) in die Welt der Eisherstellung und wie kleine Veränderungen große Auswirkungen haben können.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass Gilman einen Roman geschrieben hat, der mir vor Augen geführt hat, welche Vorteile wir heutzutage eigentlich haben (besonders wir Frauen) und dass wir über vieles gar nicht jammern dürften. Und es ist ein Zeugnis davon, sich niemals aufzugeben und immer wieder aufzustehen. Ein Buch über eine starke Frau, die abgehärtet wurde vom Leben und vielen ein Vorbild sein könnte. Auch ein Buch, bei dem man oft vergisst, dass es diese Lillian Dunkle nie gab – zu realistisch wirkt sie.

Ich war stolz darauf, zum „neuen Geld“ zu gehören. Alles, was Bert und ich besaßen, hatten wir uns selbst aufgebaut.
– Lillian Dunkle

goldene_Sterne

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