Die dunkle Stunde der Serenissima

Quelle: bücher.de
Quelle: bücher.de

Die dunkle Stunde der Serenissima | Donna Leon | Übersetzerin: Christa E. Seibicke | erstmals 2003 auf deutsch erschienen
ISBN 978-3-257-23448-0 | 12,00€ (Taschenbuch)

Über Donna Leon:
Leon wurde 1942 in New Jersey, USA, geboren. Sie studierte dort, in Perugia und Siena. Ab 1965 lebte sie im Ausland und war unter anderem als Reiseleiterin in Rom und Lehrerin, beispielsweise im Iran und in China, tätig. 1992 erschien ihr erster Kriminalroman, ein Jahr später auch in der deutschen Übersetzung, Venezianisches Finale, mit Commissario Brunetti. Seitdem erschien jedes Jahr ein Krimi um Brunetti, die in Deutschland bei Erscheinen jedes Mal die Bestsellerlisten anführen, sie weltweit bekannt machten und bisher in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Seit 1981 lebt Donna Leon in Venedig, wo ihre Krimis spielen.
Quelle: Wikipedia

Eine Studentin Paolas bittet Brunetti um Rat. Sie will den guten Ruf ihres Großvaters wieder herstellen, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verurteilt wurde. Da der Fall so lange zurück liegt, misst Brunetti ihm zunächst wenig Beachtung bei. Kurz darauf wird die Studentin, Claudia, jedoch ermordet. Die Suche nach dem Täter führt Brunetti immer tiefer in Italiens Vergangenheit.

Mir macht es immer wieder Spaß, Bücher über Commissario Brunetti zu lesen.
Das liegt zum einen daran, dass ich hier das Gefühl bekommen, ein sehr authentisches Buch in den Händen zu halten. Das hängt zum einen mit der oft eintönigen Ermittlungsarbeit von Brunetti zusammen. Man kann sich vorstellen, dass es genau so abläuft: der oft recht gemütliche italienische Polizeiapparat, die nicht immer ganz gesetzestreue aber sehr zuverlässige Sekretärin und der Commissario, der oft ein bisschen idealistisch wirkt und sich doch nicht von den Desillusionierungen, die sein Beruf mit sich bringt, unterkriegen lässt.
Zum anderen bekomme ich hier das Gefühl, einen Einblick in die italienische Kultur, die Menschen und ihr Land, zu bekommen. Man spaziert mit Brunetti durch Venedigs Gassen, empört sich mit ihm über die Touristenmassen („Er hatte den Eindruck, als hätten sich die Körpermaße der amerikanischen Touristen in den letzten paar Jahren verdoppelt“, 15% Kindle Edition) und verarbeitet mit ihm die Abgründe der menschlichen Natur. Brunetti ist ein sehr sympathischer Mann, der zwar nie politisch ganz korrekt denkt, manchmal auch nicht so spricht und schon gleich zweimal nicht immer so handelt, aber das macht ihn zum einen auch authentischer und ist zum anderen auch spannend zu lesen. Hinzu kommt bei ihm ein Einfühlungsvermögen, das ich immer wieder erstaunlich finde.
Als Sahnehäubchen gibt es noch Brunettis Familie obendrauf. Die Streitereien zwischen seinen beiden Kindern sind einerseits wirklich lustig, andererseits mir (als Älteste von vieren) sehr vertraut. Und die Ehe mit Paola finde ich toll dargestellt. Die zwei kennen sich fast in- und auswendig, dennoch überrascht Paola ihn immer wieder und sie zeigen sich ihre Liebe mit kleinen Gesten, die mich jedes Mal berühren. Selbstverständlich gibt es auch hier Streitereien (oder, wie meine Eltern es ausdrücken: „Wir diskutieren!“), aber das gehört nun einmal dazu. Und selbst dabei merkt man noch, wie sehr sie einander schätzen.
Auch in diesem Buch behandelt Donna Leon wieder ein heikles Thema: den Umgang mit Kunst unter Mussolini. Dabei geht es nicht nur um die sogenannte „entartete Kunst“, sondern auch um Profithaie, die sich die Not von Juden und anderen Unterdrückten zum Vorteil gemacht haben und wertvolle Kunstwerke unter Wert aufgekauft haben. Das dies immer noch ein äußerst wunder Punkt der italienischen Geschichte ist, ebenso wie die Aufarbeitung der eigenen braunen Vergangenheit, merkt man in den Gesprächen, die Brunetti mit Zeitzeugen führt.
Donna Leon hat die Thematik auf sehr eindrückliche Weise dargestellt und mich oft nachdenklich gemacht. Ich habe aus der Geschichte den Eindruck gewonnen, das der Faschismus in Italien offenbar nie wirklich „ausgestorben“ ist. Und das die Italiener offenbar eine ganz andere Form der Vergangenheitsbewältigung gemacht haben, als dies in Deutschland der Fall war – nämlich Verdrängung. Brunettis Stiefvater, dessen Familie vor Mussolini ins Ausland geflohen war, sagt einmal über die Deutschen: „Spätestens nach dem Ende der Nürnberger Prozesse hätten die Alliierten ihnen ihre Vergangenheit bestimmt nicht mehr unter die Nase gerieben. Aber die Deutschen beschlossen von sich aus, Vergangenheitsbewältigung zu betreiben, wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Wir haben das nie getan […].“ Das hat mich besonders nachdenklich gestimmt, denn ich habe so noch nie darüber nachgedacht. Im Geschichtsunterricht wurde diese Vergangenheitsbewältigung als etwas dargestellt, das von den Alliierten kam. Nicht dass das etwas schlechtes wäre. Aber vielleicht zeigt der Unterschied zwischen Italien und Deutschland, der in Die dunkle Stunde der Serenissima gegeben wird, auch auf, welchen Weg Deutschland nach dem Krieg hätte nehmen können. Und ob wir damit wirklich glücklich wären …?

5Sterne

 


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Ein Kommentar zu „Die dunkle Stunde der Serenissima

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