Großbritannien

Alright everybody?

Dieser Beitrag hat nur so halb etwas mit Büchern zu tun, aber ich wollte es unbedingt mal loswerden.

Der ein oder andere hat vielleicht mitbekommen, dass ich seit fast einem Jahr in Großbritannien als AuPair tätig bin. Und obwohl ich Gasteltern habe, die sich schon recht früh für einen Brexit ausgesprochen haben (ja, wir sind wieder bei dem leidigen Thema 😉 ), auch ihre Freunde sehr dafür waren und sind (bester Spruch in dem Zusammenhang: „Es sollten drei Dinge passieren: Großbritannien verlässt die EU, Boris Johnson wird britischer Premierminister und Trumpf amerikanischer Präsident“, O-Ton ein Freund meiner Gasteltern – ich sag da nur: „Kopfschuss“) und ich mich gerade bei solchen Sprüchen oft frage, in welch rassistischer und minderbemittelter Gruppe ich hier gelandet bin, hat mich das Ergebnis doch geschockt. Wenn man dann noch mitbekommt, welche Statements sich seitdem angehäuft haben, ob nun von UKIP-Leader Farage oder Wählern, die wohl wirklich erst nach dem Referendum gegooglet haben, um was es eigentlich geht, zweifele ich doch an diesem Land, mit dem mich spätestens seit dem Referendum eine Hassliebe verbindet – obwohl die Liebe bei mir überwiegt.

Die Sache ist nämlich die: ich liebe sehr viele Dinge an diesem Land. Ich liebe beispielsweise wunderschöne Landschaften, wunderbare Burgen, leckeren Tee, schöne (und kostenlose!) Museen, tolle Buchläden (hier haben sogar die großen Buchketten etwas richtig heimeliges) und teilweise sogar das Essen. Ich liebe auch den britischen Humor, habe einen neuen Lieblingscomedian für mich entdeckt, ebenso wie Terry Pratchett, viele nette Menschen kennengelernt und Erfahrungen gemacht, die ich um nichts in der Welt missen möchte. Ich bin in diesem Land über mich hinausgewachsen und werde Selbstständigkeit immer auch ein Stück weit mit Großbritannien verbinden. Außerdem kommen Autoren wie J. K. Rowling, Arthur Conan Doyle oder Agatha Christie und Musiker wie Adele oder Ellie Golding von hier. Es gibt also genügend Gründe, dieses Land zu lieben.

Aber ich habe auch ein ganz großes Problem mit Großbritannien, oder eher: den Briten – wobei die Engländer da echt die schlimmsten sind. Mein Problem sind die unglaubliche Arroganz und Selbstgefälligkeit der Briten. Meiner Meinung nach hat man die vor allem wieder in den Argumenten bemerkt, mit denen hier für den Brexit Werbung gemacht wurde – und mit denen auch meine Gastfamilie und deren Umkreis um sich geschmissen haben (obwohl ich deutlich machen möchte, dass diese ganz bestimmt nicht zur Elite des Landes gehören, weder finanziell noch wenn es um Intelligenz geht). Und obwohl mich dies nicht erst seit heute stört, gibt es doch einen Trigger für diesen Blogbeitrag: ein Buch.

Seit ein paar Tagen lese ich A Short History of England. Auf Twitter habe ich dazu schon einmal ein kleines Statement gepostet:

Mittlerweile habe ich weitergelesen und bin beim Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gelandet. Als der Autor, Simon Jenkins, die Hintergründe beschreibt und wie es dazu kam, gibt er auch diesen Satz von sich: „America was far better treated than Ireland.“ (S. 180). Vorher heißt es noch: „The protested Stamp Acts were imposed throughout the empire, as were other trade restrictions, while the colonists enjoyed their own assemblies and were for the most part autonomous“ (S. 180). Bin ich die Einzige, der da gewisse Parallelen auffallen?
Großbritannien genießt im Vergleich zu anderen EU-Staaten einige Vorteile, dennoch wollen die Briten diese verlassen – und nicht beispielsweise Frankreich oder Italien, die den „Briten-Rabatt“ zum größten Teil ausgleichen müssen. Hätten diese nicht viel mehr Grund, sich über ihre Mitgliedschaft in der EU aufzuregen? (Wen es interessiert: diesen SPIEGEL-Artikel zum Thema Ausgaben des UK für die EU finde ich sehr gut.)

Jetzt geht es mir hier nicht darum, mich über den Brexit aufzuregen. Er macht in meinen Augen nur etwas deutlich, das ich regelmäßig in Büchern von Briten über ihre eigene Geschichte merke: sie scheinen noch nicht wirklich darüber hinweggekommen zu sein, kein Empire mehr zu haben und nicht die gleiche Stellung als Weltmacht wie vor noch hundert Jahren innezuhaben.
Wo Simon Jenkins sich in dem Bücher sich darüber aufgeregt, dass Amerika es sich herausnimmt, sich vom Mutterland abzuspalten, machen die Briten nun das gleiche in der EU – obwohl man stark davon ausgehen darf, dass es hier eher nicht zu einem Krieg kommt und man auch erst sehen muss, wie das UK außerhalb der EU zurecht kommt.
Es ist ein Thema, das regelmäßig in historischen Büchern aufkommt, die von einem britischen Autor geschrieben wurde: diese (zumindest meistens) unterschwellige Verachtung gegenüber anderen Ländern. In gewisser Form bekomme ich das bei meiner Gastfamilie (ihr wisst schon: nicht besonders intelligent usw.) regelmäßig zu spüren. Sei es nun, dass man sich über meinen Akzent lustig macht, obwohl man es nicht einmal schafft, einen kompletten Satz in auch nur EINER Fremdsprache von sich zu geben (ich komme immerhin auf zwei Fremdsprachen), oder dass regelmäßig klar gestellt wird, dass Menschen in Kenia komplett eins an der Waffel haben, Beschneidung sowieso das Letzte ist was die Welt braucht und ein u in biscuit einzubauen auch zum wegschmeißen ist: mich nervt das mittlerweile nur noch. Ich bekomme oft das Gefühl, dass viele Briten dazu tendieren, rassistisch zu sein, wenn auch oft nur unterschwellig. Sie halten sich immer für etwas besseres und zeigen mir damit doch nur, dass sie die Vergangenheit nicht so wirklich ruhen lassen können.

Apropos Vergangenheit: darin, sich mit ihrer Vergangenheit zu rühmen, kommen den Briten wohl nur die Amerikaner gleich. Vielleicht stößt mich das so ab, weil ich aus einem Land komme, in dem zumindest die letzten hundert Jahre nicht unbedingt etwas sind, auf das man stolz sein kann und, wenn es um das Dritte Reich geht, auch auf keinen Fall stolz sein sollte. Die Briten scheinen einfach gerne zu vergessen, dass ihre Geschichte auch sehr unrühmliche Seiten bietet, Stichwort Sklavenhandel oder Imperialismus, und suhlen sich stattdessen im Glanz ihres vergangenen Empires und eines Churchills, der sich gegen die Nazis gestellt hat. Nicht falsch verstehen: ich finde Churchill toll und lese mit Freude Texte und Bücher sowohl über ihn als auch von ihm.

Aber dass Großbritannien sich weigert, auch auf die weniger schönen Seiten ihres Empires zu schauen und sich besonders in historischen Büchern gerne als allen anderen überlegen darstellen, stößt mir regelmäßig auf. Dieses Buch hat quasi nur das Fass zum Überlaufen gebracht und ich musste mir das mal von der Seele schreiben.

Um mit einem Zitat aus dem Buch zu enden:

England’s history […] must be the most consistently eventful of any nation on earth.
– Simon Jenkins, A Short History of England, S. 7

Ähm … ich bin mir da ja nicht so ganz sicher!

Liebe Grüße
Celina xx (der jetzt schon weniger Dampf aus den Ohren kommt)

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