Loney

LoneyLoney | Andrew Michael Hurley | Ullstein | erscheint im September 2016
aus dem Englischen: The Loney | Übersetzerin: Yasemin Dincer
Hardcover: ISBN 9783550081378 | €22,-
ePub: ISBN 9783843714396 | €18.99

1976 macht sich eine kleine Pilgergruppe auf den Weg nach The Loney an der nordenglischen Küste, um die heilige Anna um ein Wunder zu bitten: Hanny, der Bruder des Ich-Erzählers Tonto, soll von seiner rätselhaften Krankheit erlöst werden, die dafür sorgt, dass er stumm ist. Doch als 30 Jahre später eine in The Loney Babyleiche gefunden wird, weckt dies in Tonto Erinnerungen an diese Pilgerfahrt, über die er Jahrzehnte lang geschwiegen hat.

Zuallererst hat mich an diesem Buch das Cover angesprochen: obwohl es schlicht ist, kann man quasi das Mysteriöse fühlen. Nach der Lektüre muss ich sagen: es passt zu diesem Buch wie die Faust auf’s Auge.
Bereits von der ersten Seite herrscht eine Spannung, die es schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen und bei mir für einen massiven Buch-Hangover gesorgt hat. Diese Spannung zeigt sich nicht durch wilde Verfolgungsjagden, sondern in erster Linie dadurch, dass man von Anfang an merkt, dass da etwas passiert ist – etwas Schreckliches – und man unbedingt erfahren möchte, was dieses Etwas denn nun ist. Hurley arbeitet viel mit Andeutungen und zwischen den Zeilen steht noch einmal so viel, wie im eigentlichen Text. Dabei ist es zwar durchaus so, dass man als Leser auf die Folter gespannt wird, aber der Bogen nicht überspannt wird. So bekommt man immer mal wieder ein Häppchen hingeworfen und verliert dementsprechend auch die Lust nicht.
Für mich haben einen Reiz des Buches die Charaktere ausgemacht. So war mir beispielsweise „Mummer“, die Mutter von Henny und Tonto, von Anfang an unsympathisch. Aber sie ist nicht „die Böse“, sondern verzweifelt, und das wird in einigen ihrer Handlungen sehr deutlich. So konnte ich sie zwar bis zum Schluss nicht leiden, aber bemitleidet habe ich sie doch immer wieder. Es gibt nicht das eindeutig Böse und mit diesen ambivalenten und sehr realistischen Figuren erlebt man auch ein Wechselbad der Gefühle. Letztendlich ist die Tatsache, dass alle wichtigen Charaktere in diesem Buch nicht nur gut oder nur böse sind, eines der Dinge, welche dieses Buch so unglaublich realistisch machen.
Hinzu kommen Landschaftsbeschreibungen, die dafür sorgen, dass man ein sehr genaues Bild vor Augen hat. Das, obwohl Hurley weniger sich in Details zergeht und ellenlange Passagen über windgebeugte Hütten und Bäume schreibt, sondern es schafft, das Gefühl für diesen Ort im Leser wachzurufen. Ich kann mir gut vorstellen, dass The Loney für jeden Leser unterschiedlich aussieht, denn es geht nicht darum, wie der Ort aussieht, sondern wie er wirkt.
Neben der Frage, was es denn nun mit der Babyleiche auf sich hat und was damals passiert ist, zieht sich noch ein zweites wichtiges Thema durch das Buch: der Glaube an Gott. Mir haben die hier beschriebene Pilgergruppe und ihre Auffassung von Glauben oftmals bitter aufgestoßen. Das lag daran, dass ich kein besonders gläubiger Mensch bin und das Aufzwingen des Glaubens sowie die Auffassung von Gottes Willen, wie sie hier wiedergegeben wird, mir dementsprechend wenig zusagen. Um einiges erschreckender war für mich aber, dass es so unglaublich realistisch wirkt. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass es genau so geschehen ist.

Loney hat mich sehr gefesselt, besonders durch Protagonisten, die realistischer nicht sein könnten, und Hurleys Gabe, viel mehr zu sagen, als eigentlich da steht – und dadurch Spannung aufzubauen, die das Buch zu einem echten Pageturner und einer riesigen Leseempfehlung machen.

„Der Tod [hat] das Timing eines grottenschlechten Komikers.“
– Father Bernard

5Sterne

Über Andrew Michael Hurley:
Hurley wurde 1975 geboren und lebte in Manchester und London, bevor er nach Lancashire zog. Dort unterrichtet er  englische Literatur und kreatives Schreiben.
2014 erschien sein Debütroman The Loney bei einem kleinen Verlag, Tartarus Press, mit einer Auflage von 300 Exemplaren. 2015 gewann das Buch den Costa Book Award.
Quellen: Foyles & Wikipedia

Mehr Informationen zum Buch gibt es auf der Seite des Ullstein-Verlags.


Vielen Dank an NetGalley und den Ullstein-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

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2 Kommentare zu „Loney

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