Rezension – Iran

Quelle: Penguin Books
Quelle: Penguin Books

Iran: Empire of the Mind | Michael Axworthy | Penguin Books | erschienen 2008
Taschenbuch: ISBN 978-0-141-03629-8 | £9.99
Leseprobe

Iran often appears in the media as a hostile and difficult country. But beneath the headlines there is a fascinating story of a nation of great intellectual variety and depth, and enormous cultural importance. A nation whose impact has been tremendous, not only on its neighbours in the Middle East but on the world as a whole – and through ideas and creativity rather than by the sword.
*Quelle: Penguin Books

Nachdem mich die Saladin-Biographie von John Man so begeistert hat, wollte ich unbedingt mehr über die islamische Welt erfahren. Denn wenn wir einmal ehrlich sind: wie viel wissen wir wirklich über den Islam? Und über islamische Länder? Natürlich, wo sie liegen. Und vermutlich noch, welche Probleme sie gerade wieder machen. Aber das zeigt doch schon, dass wir sie nur aus unserer Sicht betrachten und Maße anlegen, die man dabei nicht anlegen kann, weil sie einfach nicht passen. Man kann einen Staat, der eine gänzlich andere Kulturgeschichte erfahren hat nicht an den Maßstäben unserer Kulturgeschichte messen.
Daher finde ich es umso interessanter, quasi einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Und dazu gehört für mich, dass man sich über die Geschichte eines Landes informiert. Dieses Buch gibt einen richtig guten Überblick über die Geschichte des Irans und ist auch für Leser verständlich, die sich zuvor nicht damit beschäftigt haben. Er geht auf geopolitische Entwicklungen ebenso ein wie auf religiöse und widmet auch der iranischen Literatur ein ganzes Unterkapitel – schließlich sagt er im Titel, dass der Iran ein „Empire of the Mind“ ist.

You who are without sorrow for the suffering of others
You do not deserve to be called human
– Sa’di in seinem Werk Golestan, 1258 (S. 112)

Kleiner Einwurf: Wusstet ihr, dass über dem Eingang der UN in New York eine Zeile aus dem Golestan steht? Ich wusste es nicht, aber finde es toll!

Besonders überraschend fand ich hierbei immer, dass Jahrhunderte alte Lyrik auch heute noch Relevanz hat – und dass sie keineswegs nur auf die islamische Welt und ihre Gebräuche bezogen ist. Das obige Zitat lässt sich in Deutschland genauso gut anwenden  wie im Iran, den USA oder in Thailand.
Dabei geht es keineswegs nur um Moralisches und auch Politik spielt zwar in vielen, aber nicht allen Gedichten, die aufgezeigt werden, eine Rolle. Beispielsweise geht es in einem Buch von Naser-e Khosraw darum, sich selber zu lieben – und dieser Herr hat im 11. Jahrhundert gelebt.
Natürlich dreht sich viel um die politische Entwicklung. Wenn man eine so kurze Übersicht (das Buch hat nur 298 Seiten) über die lange Geschichte eines Landes geben will, dann muss man sich auf das Wichtigste beschränken. Und die Politik spielt nun einmal eine sehr wichtige Rolle.
Für mich ist ein Sachbuch, das die Geschichte eines Landes (teilweise) aufarbeitet, immer dann gelungen, wenn ich nach der Lektüre das Gefühl habe, die Menschen besser zu verstehen. Das ist hier der Fall. Ich verstehe jetzt besser, warum der Iran dem Westen so misstraut, bin diesem Gegenüber auch kritischer eingestellt, was den Umgang (auch in der Vergangenheit) mit aufstrebenden Staaten angeht.
Gut gefallen hat mir auch, dass Michael Axworthy zwar viele Handlungen des Iran, sowohl historische als auch aktuelle, zwar erklärt, aber nicht zwingend verteidigt. Und er zeigt auch auf, dass einige Handlungen nicht entschuldbar sind. Seiner Meinung nach schlummert in den Iranern und ihrem Land ein unglaubliches Potential, dass durch eine engstirnige und eigennützige Elite (S. 297) regiert und unterdrückt  wird.
Außerdem ist es ihm, zumindest bei mir, gut gelungen, Parallelen zwischen den Kulturen aufzuzeigen. Dadurch erscheinen Rituale und Bräuche weniger fremdartig und merkwürdig – oder zumindest nur so merkwürdig wie die eigenen Rituale und Bräuche.
Auch dieses Buch zeigt im übrigen wieder, dass die Menschheit äußerst selten aus der Geschichte lernt und sich die immer gleichen Dinge ständig wiederholen. Auf Seite 140 heißt es:

There were always hangers-on and pseudo-mullahs who could attract a following among the luti (unruly youths) of the towns by being more extreme than their more reflective, educated rivals.

Das dürfen wir gerade wieder in Amerika beobachten und auch der Aufstieg der AfD stellt nichts anderes dar (über das educated lässt sich streiten, aber reflective sind weder Trump noch die AfD).

Wer sich für die Geschichte des Irans und die Hintergründe einiger Konflikte im Nahen Osten interessiert, sollte sich dieses Buch unbedingt zulegen (es gibt es allerdings nur auf Englisch). Es bietet einen guten Überblick, geht auf alle wichtigen Themen ein, oder überladen zu wirken. Die englische Sprache bietet möglicherweise (vor allem ungeübten Lesern) Probleme, aber wenn man sich einmal eingefunden hat, ist es auch unterhaltsam.

The Achaemenid Empire was an Empire of the Mind, but a different Kind of Mind.
– Michael Axworthy, S. 24

5SterneKaufen kann man das Buch bei bücher.de


*Anmerkung: Normalerweise schreibe ich die Inhaltsangabe zu den Büchern, die ich rezensiere, selber. Hier hatte ich aber das Gefühl, dass ich es nicht besser (oder annährend so gut) hätte machen können, daher habe ich den Klappentext vom Verlag übernommen.

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