Rezension – Berlin Beirut

Vielen Dank an die KongKing PR-Agentur und den Divan-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Mahmoud kommt aus Beirut. Vor dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland ist er 1977 in die DDR geflohen und wird von dort in den Westen geschleust.
Am Bahnhof Friedrichstraße wartet die 20jährige Maria auf ihn, um eben dies zu veranlassen. Ihr Onkel Albert, von den libanesischen Flüchtlingen Ali genannt, organisiert das Einschleusen. Wer seine Schulden nicht bezahlen kann, muss diese in seiner Diskothek abarbeiten – oder Autos in den Nahen Osten überführen.
Als Maria Mahmoud auf einem dieser Autokonvois begleitet, lernt sie seine Familie und den Bürgerkrieg kennen – und verliebt sich in ihn. Als sie schwanger wird, heiraten die beiden. Doch dann verstrickt sich Mahmoud in Deals, aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint …

Nachdem ich vor kurzem bereits einmal festgestellt habe, dass ich zwar einen ganzen Haufen historische Romane (und Sachbücher) habe, aber nur ein verschwindend geringer Teil davon das geteilte Deutschland zum Thema hat, habe ich mich umso mehr über das Angebot gefreut, dieses Buch zu rezensieren.
Wenn in Bezug auf dieses Buch die Rede von einem „unbekannten Kapitel deutscher Geschichte“ ist, dann wurde damit bei mir der Nagel auf den Kopf getroffen. Ich hatte keinerlei Ahnung davon, dass die DDR einen Haufen Geld mit Transitvisa für libanesische Flüchtlinge gemacht hat.

Während des Bürgerkriegs im Libanon verdiente die DDR so viel Geld mit Einreisevisa und Flugtickets, dass sie die Berliner Mauer damit hätte tapezieren können.
– Maria, S. 10

Dieses Buch dreht sich weniger um die politischen Vorgänge; der Fokus liegt auf der persönlichen​ Situation einzelner Flüchtlinge sowie die Organisation des Einschleusens.
Positiv in diesem Zusammenhang fand ich schon einmal, dass man nicht mit Personen erschlagen wird. Hauptsächlich dreht sich der Roman um Maria, ihren Onkel Albert und Mahmoud, hinzu kommen noch ein paar Nebencharaktere. Die Zahl derer kann man allerdings an einer Hand abzählen. So habe ich nie den Überblick verloren.

Gar nichts so einfach, diese Gefühlswelt

Allerdings bin ich mit Maria durchgehend nicht wirklich warm geworden. Ihre Gefühlskälte, welche sie den Asylanten entgegenbringt, wirkt zwar einerseits im Angesicht ihrer persönlichen Geschichte realistisch (sie ist praktisch mit Gaunern aufgewachsen und hat schon recht früh allerlei Tricks und Kniffe erlernt, die als illegal zu verbuchen sind).
Andererseits erschien sie mir oftmals zu erwachsen für ihr Alter und eben die Abgebrühtheit hat mich manchmal erschreckt. Sie scheint keinerlei Mitleid mit den Flüchtlingen zu empfinden und legt eine geringschätzige Haltung an den Tag.

Nun kann man argumentieren, dass dies eine verständliche Reaktion ist für ein Mädchen, dass mit einem kriminellen und ebenfalls ziemlich abgebrühten Onkel aufgewachsen ist. Dem stimme ich auch zu, allerdings wirkt dann ihr Wandel gegenüber Mahmoud und dem gemeinsamen Kind eher unrealistisch. Sie scheint sich von einem Tag auf den anderen von der Gangsterbraut zum verliebten Teenager und weiter zur verantwortungsvollen Mutter zu wandeln.

Wussten wir überhaupt, was Liebe war? Wenigstens einer von uns beiden?
– Maria, S. 153

Überhaupt scheinen es die Personen im Buch nicht so mit Gefühlen zu haben. Allgemein herrscht eine große Gleichgültigkeit vor, vieles wird auch nicht weiter ausgeführt und teilweise habe ich mich schon gefragt, wie zur Hölle es zu manchen Verbindungen kam.
Von der komplizierten Gefühlswelt einmal abgesehen, hat mir das Buch richtig gut gefallen – und zwar das Gesamtpaket. Normalerweise gehe ich nicht groß auf das Cover ein, da es bei mir auch nur eine untergeordnete Rolle spielt. Aber in diesem Fall hat es mich ebenso sehr überzeugt, wie der Klappentext. Es passt richtig gut zum Buch und mich Geschichtsfreak spricht auch die Gestaltung sehr an. Zudem ist es eines der wenigen Bücher, die keine Person (bei historischen Büchern: Frau in merkwürdiger Pose) auf dem Cover haben. Von daher hat das Buch allein schon dafür einen dicken Pluspunkt verdient.

Wie schon erwähnt, war es für mich ein unbekanntes Kapitel der deutschen Geschichte. Zudem ist die DDR für mich etwas wirklich Historisches: In meinem Kopf gibt es nur das eine Deutschland, den ehemaligen Standort der Mauer kenne ich nur aus Reiseführern oder eben Büchern und ich musste auch noch nie ewige Grenzkontrolle über mich ergehen lassen um in irgendein deutschsprachiges Gebiet zu kommen.
Daher ist es für mich natürlich umso interessanter, dieses Buch zu lesen. Ich bin zwar die falsche Ansprechperson, wenn es darum geht, wie realistisch die Geschichte ist. Aber aus meiner Sicht hätte sich so etwas tatsächlich entwickeln können: dass Flüchtlinge auch „Einheimische“ heiraten ist nicht wirklich ungewöhnlich und da Schmuggler (egal ob sie Menschen oder etwas anderes schmuggeln) nicht die angenehmsten Zeitgenossen sind, wirkte auf mich auch der kriminelle Teil des Buches durchaus einleuchtend.

Der Krieg bekam ein Gesicht.
– Maria, S. 122

Hinzu kommt, dass mir auch der Schreibstil richtig gut gefallen hat. Mikati schreibt verständlich und in recht kurzem Sätzen, zudem sind viele Unterhaltungen sehr umgangssprachlich. Dies sorgt zum einen dafür, dass die Geschichte sehr gut zu lesen ist, trägt aber auch zu der Athmosphäre im Buch bei.
Die zu beschreiben ist gar nicht so einfach, denn einerseits hat man viele Ausländer, die mit der deutschen Sprache zu kämpfen haben und viele Deutsche, die dem gegenüber sehr herablassend und abschätzig sind. Andererseits ist es auch geprägt von erstaunlichem kriminellen Witz in Bezug auf das Geschäftliche und viel Geschick von Seiten der Flüchtlinge, um sich in Deutschland ein Leben aufzubauen.

Insgesamt kann ich dieses Buch jedem empfehlen, der einen Einblick in Einzelschicksale dieser Zeit haben will und gerade für Menschen meiner Generation, die das geteilte Deutschland nicht mehr erlebt haben, kann es sehr interessant sein. Andererseits sollte man nicht zu viel davon erwarten, wenn man etwas neues erlernen will. Gerade über die DDR an sich und das Verhältnis der beiden deutschen Staaten lernt man nichts neues, eher wird ein gewisses Allgemeinwissen vorausgesetzt.

„Du brauchst keine Kraft dafür. […] Wenn du locker bleibst, geht das besser. Wie alles im Leben.“
– Maria, S. 91

3Sterne

Über Gitta Mikati:
Mikati wurde am Bodensee als eines von fünf Kindern geboren. 1968 zog die Familie nach Berlin, dort machte Mikati die Mittlere Reife. Danach begann sie eine Ausbildung zur Polizeibeamtin, arbeitete bis 1985 als solche und war danach als Regierungsbeamtin auch weiter im Staatsdienst tätig. Sie lernte einen Bürgerkriegsflüchtling kennen und lieben, heiratete ihn später.
Berlin Beirut ist ihr erster Roman, zudem hat sie Beiträge zu zahlreichen Anthologien geliefert.
Quelle: Website der Autorin

Weitere Meinungen zum Buch:

  • Booknerds (10/15 Big Apples; „sehr kurzweilig geschrieben und gut lesbar, dabei regt es auch zum Nachdenken an“)
  • Dieter Wunderlich („außergewöhnlich realistisch“)

Bildquelle Cover: KongKing
Bildquelle Berlin stilisiert: Pr-ide.de
Bildquelle Autorenbild: Gitta Mikati

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Ein Kommentar zu „Rezension – Berlin Beirut

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