Rezension – 365. Wenn die Masken fallen

Charlotte Clark, Studentin und von allen nur Charly genannt, nimmt sich vor, im kommenden Jahr etwas Aufregendes zu erleben und ein außergewöhnliches Jahr zu verbringen. Dazu gehört auch, sich mit dem Firmenimperium ihres Vaters zu beschäftigen und Fuß in der Geschäftswelt zu fassen. Doch sie verstrickt sich immer mehr in einem Geflecht aus Liebe, Lügen, Reichtum und Kälte und hat eine ganze Menge Schläge einzustecken. Wie wird sie aus diesem Jahr hervorgehen?

Es dürfte einer der merkwürdigsten Wege sein (zumindest für mich), auf welchem ich zu diesem Buch gekommen bin: meine Mutter und ich sind zusammen über die Stuttgarter Königsstraße geschlendert, als uns eine Frau ansprach, ob wir gerne lesen. Auf die Frage gibt’s bei mir natürlich nur eine Antwort und kurz darauf hielt ich ein verfrühtes Ostergeschenk in Händen – den Debütroman von Isabel Kritzer. Die Frau, die uns ansprach, war ihre Mutter.

Ich hab mich auch direkt daran gemacht, das Buch zu lesen, denn nach den Lobesreden der Mutter war ich entsprechend gespannt, ob das Buch den Erwartungen auch entsprechen kann.
Meine Faszination für das Buch hat dieses weniger dem eigentlichen Verlauf der Geschichte zu verdanken. Über einen großen Teil des Buches geschah nämlich wenig bis gar nichts. Mir fiel es daher schwer, in die Handlung zu finden oder auch nur zu erkennen, worauf Kritzer hinauswill.
Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang war Charly selbst, denn mit ihr wurde ich einfach nicht warm. Annabelle hat in ihrer Rezension auf Stehlblüten einen Grund dafür genannt, den ich nicht so recht in Worte fassen konnte:

[…] sie [empfindet] ihren Studienalltag als so anstrengend […], wo sie doch noch im Elternhaus wohnt, eine eigene Haushälterin hat und noch dazu nicht einmal arbeiten gehen muss, um sich ihr Geld zu verdienen.
– Rezension auf Stehlblüten

Zudem war mir die Diskrepanz zwischen dem, wie sie sich selber beschreibt und wie ich sie wahrgenommen habe, oftmals einfach zu groß. Sie ist 22, kurz vor dem Bachelorabschluss, und will erwachsen sein, stellt sich selbst gerne so dar – aber teilweise hatte ich (20 Jahre alt und im 2. Semester) das Gefühl, dass sie eher ein Mädchen als eine Frau, zumindest deutlich jünger als ich, und zu naiv für ihr Alter ist. Außerdem neigt sie zu voreiligen Schlüssen, welche mich regelmäßig in den Wahnsinn getrieben haben. In solchen Situationen hätte ich am liebsten ins Buch gegriffen, um ihr einen ordentlichen Schubs zu geben.
Auch die anderen Personen wurden mir nicht sympathisch. Am ehesten dann noch Charlys Schwester Sarah, die einige Zeit im Ausland verbracht hat und mir mit ihrer Gedankenwelt (zumindest was man im Buch erfährt) näher ist wie Charlie.

Dinge änderten sich. Und am Ende wertschätzte man das, was man gehabt hatte, erst, wenn man es verlor.
– Charly, S. 210

Die Dinge, insbesondere in der Handlung, änderten sich dann tatsächlich. Ab circa der Hälfte des Buches passiert endlich etwas, die Handlung spinnt sich weiter und langsam entwickelte sich dann auch ein Spannungsbogen.
Allerdings wurde es mir dann schon fast wieder zu viel des Guten. In der zweiten Hälfte passiert einfach zu viel in zu kurzer Zeit. Ich hatte oft das Gefühl, dass Kritzer um jeden Preis möglichst viele Themen ansprechen wollte – aber mir wurde das Ganze dadurch zu überladen.

Das hört sich jetzt recht negativ an, aber das Buch könnte mich in einigen Punkten auch überzeugen.
Obwohl ich mich von Charly nicht wirklich repräsentiert fühle, hat mich das Buch immer wieder zum Nachdenken angeregt. Sie macht sich viele Gedanken über ihr Leben und auch ich als Leserin habe dadurch Stoff zum Nachdenken bekommen. Dazu trägt insbesondere bei, dass ich, trotz allem oben genannten, in einer ganz ähnlichen Situation bin wie Charly und dadurch viele ihrer Sorgen und Gedanken Charlys gut nachvollziehen kann.

Wir versuchen alle, die richtige Entscheidung zu treffen. Aber ob uns das gelingt, stellen wir erst später fest.
– Sarah, S. 368

Das beste am Buch war allerdings der Schreibstil – dieser konnte mich wirklich überzeugen. Kritzer schreibt zwar eher sachlich, das hat mich aber nicht gestört. Ich empfand es sogar eher als angemessen, denn das Buch selbst ist zum größten Teil weder dramatisch noch besonders gefühlsbetont und daher ist auch der ruhige Schreibstil passend. Ich empfand den Schreibstil als gut und vor allem deutlich besser, als ich erwartet hatte.
Kritzers Mutter hatte uns gegenüber gesagt, dass 365 Einblick in die Gedankenwelt der heutigen Jugend und jungen Erwachsenen gibt. Ich hatte daher auch mit einer tendenziell jugendlichen Sprache gerechnet, das war hier aber nicht der Fall – und das fand ich richtig gut!

Sprachlich ist dieses Buch ein absoluter Glücksgriff, aber sich mit den Personen wirklich identifizieren, fiel mir in diesem Buch schwer. Insofern war es eher enttäuschend.

Wir alle haben Wünsche, für die es sich zu kämpfen lohnt. Wir haben Träume, denen wir nachhängen, weil wir erpicht darauf sind, sie zu unserer Wirklichkeit zu machen. Doch stellen wir uns meist nicht der Überlegung, ob wir wirklich bereit dafür sind. Ob wir die Konsequenzen, die wir vielleicht noch nicht überblicken können oder wollen, wahrhaftig zu tragen vermögen. Weil wir tief in unserem Inneren davon ausgehen, dass unsere Tagträume nicht wahr werden.
– Charly, S. 374

Über Isabel Kritzer:
Kritzer wurde 1993 in Stuttgart geboren. 2012 machte sie ihr Abitur und machte daraufhin ein BWL-Studium, welches sie mit dem Bachelor of Science abschloss.
365, erschienen 2016, ist ihr erster Roman.
Quelle: Papierfresserchens MTM-Verlag

Weitere Meinungen zum Buch:
  • Stehlblüten („mich [hat] das Buch hin und hergerissen“, „das Buch [hat] eine Wirkung hinterlassen“)
  • Jenny von Lullaby’s Bücherkiste („Es ist wirklich der Hammer wie sehr dieses Buch einen Nerv bei einem treffen kann“)
  • Bücherleser (4/5 Bücher; „Geblieben sind vor allem Fragen an mich selbst“)

Bildquelle Cover: Papierfresserchens MTM-Verlag
Bildquelle Bücher: Unsplash
Bildquelle Autorenbild: Papierfresserchens MTM-Verlag

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2 Kommentare zu „Rezension – 365. Wenn die Masken fallen

  1. Hallo,

    ich habe mich in deiner Rezension gerade total wiedererkannt (nicht nur wegen des Auszugs). 😀
    Mir fiel es auch sehr schwer, genau zu beschreiben, was mir gefehlt bzw. was mich gestört hat. Der Protagonistin habe ich mich, ähnlich wie du, leider auch nicht nah gefühlt.
    Aber auch die positiven Punkte waren bei mir ähnlich.

    Liebe Grüße
    Anabelle

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Anabelle,

      danke für die lieben Worte! ❤
      Als ich deine Rezension gelesen habe, dachte ich im ersten Augenblick: "Wofür mir die Mühe machen, eine eigene zu schreiben, wenn es bereits eine gibt, die genau meine Gedanken wiedergibt?!" Wie man sieht, habe ich mich dann trotzdem noch drangesetzt 😀
      Schon verblüffend, wie einig man sich manchmal mit der Meinung eines anderen sein kann 🙂

      Liebe Grüße und einen schönen Abend
      Celina

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