Rezension – 365. Wenn die Masken fallen

Charlotte Clark, Studentin und von allen nur Charly genannt, nimmt sich vor, im kommenden Jahr etwas Aufregendes zu erleben und ein außergewöhnliches Jahr zu verbringen. Dazu gehört auch, sich mit dem Firmenimperium ihres Vaters zu beschäftigen und Fuß in der Geschäftswelt zu fassen. Doch sie verstrickt sich immer mehr in einem Geflecht aus Liebe, Lügen, Reichtum und Kälte und hat eine ganze Menge Schläge einzustecken. Wie wird sie aus diesem Jahr hervorgehen?

Es dürfte einer der merkwürdigsten Wege sein (zumindest für mich), auf welchem ich zu diesem Buch gekommen bin: meine Mutter und ich sind zusammen über die Stuttgarter Königsstraße geschlendert, als uns eine Frau ansprach, ob wir gerne lesen. Auf die Frage gibt’s bei mir natürlich nur eine Antwort und kurz darauf hielt ich ein verfrühtes Ostergeschenk in Händen – den Debütroman von Isabel Kritzer. Die Frau, die uns ansprach, war ihre Mutter.

Ich hab mich auch direkt daran gemacht, das Buch zu lesen, denn nach den Lobesreden der Mutter war ich entsprechend gespannt, ob das Buch den Erwartungen auch entsprechen kann.
Meine Faszination für das Buch hat dieses weniger dem eigentlichen Verlauf der Geschichte zu verdanken. Über einen großen Teil des Buches geschah nämlich wenig bis gar nichts. Mir fiel es daher schwer, in die Handlung zu finden oder auch nur zu erkennen, worauf Kritzer hinauswill.
Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang war Charly selbst, denn mit ihr wurde ich einfach nicht warm. Annabelle hat in ihrer Rezension auf Stehlblüten einen Grund dafür genannt, den ich nicht so recht in Worte fassen konnte:

[…] sie [empfindet] ihren Studienalltag als so anstrengend […], wo sie doch noch im Elternhaus wohnt, eine eigene Haushälterin hat und noch dazu nicht einmal arbeiten gehen muss, um sich ihr Geld zu verdienen.
– Rezension auf Stehlblüten

Zudem war mir die Diskrepanz zwischen dem, wie sie sich selber beschreibt und wie ich sie wahrgenommen habe, oftmals einfach zu groß. Sie ist 22, kurz vor dem Bachelorabschluss, und will erwachsen sein, stellt sich selbst gerne so dar – aber teilweise hatte ich (20 Jahre alt und im 2. Semester) das Gefühl, dass sie eher ein Mädchen als eine Frau, zumindest deutlich jünger als ich, und zu naiv für ihr Alter ist. Außerdem neigt sie zu voreiligen Schlüssen, welche mich regelmäßig in den Wahnsinn getrieben haben. In solchen Situationen hätte ich am liebsten ins Buch gegriffen, um ihr einen ordentlichen Schubs zu geben.
Auch die anderen Personen wurden mir nicht sympathisch. Am ehesten dann noch Charlys Schwester Sarah, die einige Zeit im Ausland verbracht hat und mir mit ihrer Gedankenwelt (zumindest was man im Buch erfährt) näher ist wie Charlie.

Dinge änderten sich. Und am Ende wertschätzte man das, was man gehabt hatte, erst, wenn man es verlor.
– Charly, S. 210

Die Dinge, insbesondere in der Handlung, änderten sich dann tatsächlich. Ab circa der Hälfte des Buches passiert endlich etwas, die Handlung spinnt sich weiter und langsam entwickelte sich dann auch ein Spannungsbogen.
Allerdings wurde es mir dann schon fast wieder zu viel des Guten. In der zweiten Hälfte passiert einfach zu viel in zu kurzer Zeit. Ich hatte oft das Gefühl, dass Kritzer um jeden Preis möglichst viele Themen ansprechen wollte – aber mir wurde das Ganze dadurch zu überladen.

Das hört sich jetzt recht negativ an, aber das Buch könnte mich in einigen Punkten auch überzeugen.
Obwohl ich mich von Charly nicht wirklich repräsentiert fühle, hat mich das Buch immer wieder zum Nachdenken angeregt. Sie macht sich viele Gedanken über ihr Leben und auch ich als Leserin habe dadurch Stoff zum Nachdenken bekommen. Dazu trägt insbesondere bei, dass ich, trotz allem oben genannten, in einer ganz ähnlichen Situation bin wie Charly und dadurch viele ihrer Sorgen und Gedanken Charlys gut nachvollziehen kann.

Wir versuchen alle, die richtige Entscheidung zu treffen. Aber ob uns das gelingt, stellen wir erst später fest.
– Sarah, S. 368

Das beste am Buch war allerdings der Schreibstil – dieser konnte mich wirklich überzeugen. Kritzer schreibt zwar eher sachlich, das hat mich aber nicht gestört. Ich empfand es sogar eher als angemessen, denn das Buch selbst ist zum größten Teil weder dramatisch noch besonders gefühlsbetont und daher ist auch der ruhige Schreibstil passend. Ich empfand den Schreibstil als gut und vor allem deutlich besser, als ich erwartet hatte.
Kritzers Mutter hatte uns gegenüber gesagt, dass 365 Einblick in die Gedankenwelt der heutigen Jugend und jungen Erwachsenen gibt. Ich hatte daher auch mit einer tendenziell jugendlichen Sprache gerechnet, das war hier aber nicht der Fall – und das fand ich richtig gut!

Sprachlich ist dieses Buch ein absoluter Glücksgriff, aber sich mit den Personen wirklich identifizieren, fiel mir in diesem Buch schwer. Insofern war es eher enttäuschend.

Wir alle haben Wünsche, für die es sich zu kämpfen lohnt. Wir haben Träume, denen wir nachhängen, weil wir erpicht darauf sind, sie zu unserer Wirklichkeit zu machen. Doch stellen wir uns meist nicht der Überlegung, ob wir wirklich bereit dafür sind. Ob wir die Konsequenzen, die wir vielleicht noch nicht überblicken können oder wollen, wahrhaftig zu tragen vermögen. Weil wir tief in unserem Inneren davon ausgehen, dass unsere Tagträume nicht wahr werden.
– Charly, S. 374

Über Isabel Kritzer:
Kritzer wurde 1993 in Stuttgart geboren. 2012 machte sie ihr Abitur und machte daraufhin ein BWL-Studium, welches sie mit dem Bachelor of Science abschloss.
365, erschienen 2016, ist ihr erster Roman.
Quelle: Papierfresserchens MTM-Verlag

Weitere Meinungen zum Buch:
  • Stehlblüten („mich [hat] das Buch hin und hergerissen“, „das Buch [hat] eine Wirkung hinterlassen“)
  • Jenny von Lullaby’s Bücherkiste („Es ist wirklich der Hammer wie sehr dieses Buch einen Nerv bei einem treffen kann“)
  • Bücherleser (4/5 Bücher; „Geblieben sind vor allem Fragen an mich selbst“)

Bildquelle Cover: Papierfresserchens MTM-Verlag
Bildquelle Bücher: Unsplash
Bildquelle Autorenbild: Papierfresserchens MTM-Verlag

Rezension – Ein geschenkter Anfang

Auf der bretonischen Île de Groix war Lou wohlbekannt und sehr beliebt. Auch nach mehreren Jahrzehnten Ehe waren sie und ihr Mann Jo noch schwerverliebt und genossen das Leben auf Groix. Doch dann stirbt Lou und die Familie scheint daran zu zerbrechen.
In ihrem Testament gibt sie Jo den Auftrag, sich mit ihren beiden gemeinsamen Kindern Cyrian und Sarah zu versöhnen und diese glücklich zu machen. Erst danach darf er die Flaschenpost öffnen, die sie ihm vermacht hat.

Un vieillard en or avec une montre en deuil
Une reine de peine avec un homme d’Angleterre
Et des travailleurs de la paix avec des gardiens de la mer.
Cortège (Der Leichenzug) von Jacques Prévert

Von diesem Buch habe ich zum ersten Mal bei Ela von Literaturliebe gelesen und es prompt bei dem Gewinnspiel von ihr gewonnen! Mir kam dann zwar die Klausurenphase dazwischen, aber meinen ersten Urlaubstag habe ich damit verbracht, dieses Buch förmlich zu verschlingen.
Das Buch ist zwar nicht spannungsgeladen, dennoch konnte ich es kaum erwarten zu wissen, wie es verläuft. Jo ist in einer ziemlich verzwickten Situation, denn eigentlich hat er keine Ahnung, wie er seine Kinder glücklich machen kann – und nun wurde ihm auch noch eine Frist gesetzt, um dies zu erreichen. Um dies herauszufinden geht er unorthodoxe Wege ein und es war ein Spaß, darüber zu lesen.

Die Charaktere sind gut herausgearbeitet. Durch die wechselnde Erzählperspektive kommen sie alle einmal zu Wort, man kann sich in sie einfühlen und lernt sie die jeweiligen Beweggründe besser kennen.
Was mich daran ein wenig gestört hat, sind die beiden Enkelinnen Pomme und Charlotte. Obwohl sie liebenswert sind bzw. werden und es wichtig ist, auch die Kinder zu Wort kommen zu lassen, unterschieden sich ihre Gedanken in meinen Augen nicht genug von denen der Erwachsenen. Satzbau, Vokabular und Sprachweise müssten aus meiner Sicht größere Unterschiede zu denen der Erwachsenen aufweisen – und tun das leider nicht. Mir hat dies das Gefühl gegeben, dass man auf Biegen und Brechen alle einmal zu Wort kommen lassen wollte, dabei aber die Glaubwürdigkeit ein bisschen auf der Strecke blieb.

Ein Kind zu lieben bedeutet, von dem Kind Abschied zu nehmen, das man sich erträumt, in seiner Phantasie ausgemalt hat, es bedeutet, das Kind so zu akzeptieren, wie es ist, nicht wie wir es uns wünschen.
– Lou, S. 39

Der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm zu lesen und vermittelt einem zudem das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Sie schreibt jeweils aus der Ich-Perspektive und vermittelt dabei einen unmittelbaren Einblick in die Gefühlswelt der Protagonisten. Außerdem ist das Buch, und das ist mir schon länger nicht mehr untergekommen, durchgehend in der Gegenwart geschrieben.
Stellenweise gab es dann aber doch Längen in der Erzählung: teilweise lässt sich Fouchet einen Absatz lang über gefühlt nichts aus und gerade am Anfang habe ich darauf gewartet, wann es denn nun endlich losgeht. Dementsprechend schwer fiel es mir auch, wirklich in die Geschichte zu kommen.

Das alles zusammengenommen ist Ein geschenkter Anfang eine schöne Lektüre, die mich zum Lachen aber auch zum Nachdenken gebracht und Fernweh nach der Bretagne hervorgerufen hat, hatte aber auch kleine Schwächen.

Humor ist keine der Verzweiflung entsprungene Höflichkeit, sondern die Boje der Ertrinkenden, die ihre Stiefel nicht ausgezogen haben, um schneller unterzugehen.
– Jo, S. 187

Über Lorraine Fouchet:
Fouchet wurde 1956 in Neuilly-sur-Seine, einem Vorort von Paris geboren. Sie wuchs zweisprachig auf und spricht insgesamt vier Sprachen. Nach dem Medizin-Studium arbeitete sie als Notfallärztin, 1977 begann sie mit dem Schreiben von Liebesromanen.
Ihr erstes Buch erschien 1990, größere Bekanntheit erlangte sie mit L’Agence (dt.: Hundert Möglichkeiten, sein Leben zu ändern) aus dem Jahr 2003.
Sie lebt in Paris und auf der Île de Groix.
Quelle: Buch, Wikipedia


Bildquelle Cover: Atlantik Verlag
Bildquelle Leuchtturm: Visit Denmark
Bildquelle Autorenbild: La Nouvelle République

Rezension – A Man Called Ove

Ove hat Prinzipien. Und die müssen eingehalten werden. Also sorgt er in der Reihenhaussiedlung, in der er lebt für Recht und Ordnung, indem er die Einhaltung der Regeln überwacht.
Doch seitdem seine Frau Sonja gestorben ist und er außerdem altersbedingt seinen Job verloren hat, findet er keine rechte Freude mehr am Leben. Und so macht er sich in seiner pragmatischen Art daran, seinem Leben ein Ende zu setzen, um endlich seine geliebte Frau wieder zu treffen.
Die Vorbereitungen laufen auch richtig gut – bis nebenan eine neue Familie einzieht und zunächst einmal Oves Briefkasten über den Haufen fährt …

Sorrow does strange things to living creatures.
– S. 147

Vor einigen Jahren gab es um dieses Buch einen großen Hype und auch ich bin in den Buchläden immer wieder darüber gestolpert. Allerdings ist es nie in mein Bücherregal gewandert, da ich mir nicht sicher war, ob es mir gefallen würde.
Meine Tante hat es mir nun zum Geburtstag geschenkt und ich bin ziemlich schnell in der Geschichte um Ove versunken.
Dieser ist ein echtes Phänomen. Die Geschichte beginnt in der Gegenwart und Ove ist einem zunächst einmal wirklich unsympathisch – oder zumindest ging es mir so. Sein starres Beharren auf Regeln und der unfreundliche Weg, mit dem er diese durchsetzt, sind nicht sonderlich einnehmend.

Ove wanted what was right to be right, and what was to be wrong.
– S. 97

Aber sobald aus Oves Vergangenheit erzählt wird, ändert sich das. Zum einen beginnt man nachzuvollziehen, warum Ove sich so verhält, wie er es nun einmal tut. Zum anderen wird eine Liebesgeschichte erzählt, die mich regelmäßig den Tränen nahe gebracht hat.

Fredrik Backman gelingen in diesem Buch viele kleine Kunststücke. Dazu zählt auch, dass die Ehe von Sonja und Ove manchmal zu gut klingt, um wahr zu sein und gleichzeitig so realistisch wirkt, dass man die beiden förmlich vor sich sehen kann. Es ist keine spektakuläre Beziehung mit leidenschaftlichen Streits und nahezu unüberwindbaren Herausforderungen. Es ist im Gegenteil eine Beziehung, bei der sich die beiden Beteiligten auf eine eher ruhige Art so gut ergänzen, dass auch mehrere Jahrzehnte Ehe und einige Schicksalsschläge nichts an der Liebe und Zuneigung dem anderen gegenüber geändert haben, diese eher noch verstärkten.

People said Ove saw the world in black and white. But she was colour. All the colour he had.
– S. 40

Zum größten Teil ist die Beziehung der beiden aus Oves Sicht erzählt und die Zärtlichkeit, die er seiner Frau entgegenbringt, ist einfach nur rührend. Dabei kann man sich oft nicht zwischen Lachen und Weinen entscheiden.
Und das ist das nächste Kunststück, das Fredrik Backman geschafft hat. Er schreibt viele Sätze, die zwar zum Lachen sind, die mich aber gleichzeitig auch melancholisch gestimmt haben, zum Beispiel wenn Ove das hier über seine Frau und seine Ehe denkt:

You marry. For better or for worse until death do us apart, wasn’t that what they agreed? Ove remembers quite clearly that it was. And she wasn’t supposed to be the first on to die. Wasn’t it bloody well understood that it was his death they were talking about?
– S. 91

Am Ende hat Backman dann geschafft, was vorher noch kein Autor geschafft hat: mich zum Weinen zu bringen. Es gab auch vorher schon Bücher, bei denen ich Tränen in den Augen hatte. Aber hier lag ich in meinem Bett und habe wirklich geheult wie ein Schlosshund.

Neben der zu Tränen rührenden Seite, ist es auch ein richtig witziges Buch mit vielen wunderbaren Charakteren. Dazu zählen insbesondere die neuen Nachbarn, die Oves Briefkasten in Mitleidenschaft ziehen und die ich manchmal gerne geknuddelt hätte.
Auf ganz andere Weise ergänzen sich auch diese gut mit Ove: die Mutter kann es in ihrer Hartnäckigkeit mit ihm aufnehmen und lässt sich auch nicht von seiner abweisenden und unfreundlichen Art abschrecken. Damit steckt sie ihre Kinder an, die ihn als Opa „adoptieren“ und dadurch unwissentlich helfen, ihn aus seinem Loch zu bringen.

[Ove] felt one should not go through life as if everything was exchangeable. As if loyalty was worthless.
– S. 73

Das Buch ist zwar nicht besonders lang, aber jeder Charakter ist schön herausgearbeitet mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Immer mit den kritischen Augen von Ove betrachtet, sind sie dennoch sehr sympathisch und realistisch.
Um auf obiges Zitat zurückzukommen: Sie zeigen Ove, dass es immer noch Menschen gibt, die loyal sind und denen seine Freundschaft, seine Loyalität und sein Wohlergehen wichtig sind.
Es ist sehr einfach, all diese Menschen ins Herz zu schließen, so dass es nahezu zu einer Qual wird das Buch zuzumachen und nicht mehr mit ihnen lachen und leben zu können.

Wer dieses Buch noch nicht gelesen hat, sollte es unbedingt tun! Das Buch ist eine unschlagbare Mischung aus rührender, aber keineswegs kitschiger, Liebesgeschichte und unglaublich witzigen Anekdoten. Ob man nun vor Lachen oder Weinen Tränen in den Augen hat, ist oftmals schwer zu entscheiden und wechselt ständig während eines Kapitels.
Es wird viel über den Verlust geliebter Menschen philosophiert und dennoch ist es ein sehr lebensbejahendes Buch, dass die Kleinigkeiten vor Augen führt, die das Leben lebenswert machen.

For the greatest fear of death is always that it will pass us by. And leave us there alone.
– S. 284

Über Fredrik Backman:
Backman wurde 1981 in Stockholm geboren und wuchs in Helsingborg, nicht weit entfernt von Malmö, auf. Er brach ein Studium der Religionswissenschaften ab und ging verschiedenen Gelegenheitsjobs nach, unter anderem arbeitete er für eine Stockholmer Zeitung. Seit 2008 ist er freischaffend tätig; vier Jahre später erschien sein erster Roman, Ein Mann namens Ove. Das Buch avancierte sofort zum Bestseller, wurde in mehr als 25 Sprachen übertragen und mittlerweile auch verfilmt.
Ihm folgten zwei weitere Bücher, Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid sowie Britt-Marie war hier, welche ebenfalls international erfolgreich sind.
Er lebt zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern in der Nähe von Stockholm.
Quelle: Wikipedia

Weitere Meinungen zum Buch:

  • The Eyrie (englisch; 10/10 Punkte: „It’s one of the best books I’ve ever read. Highly, highly recommended.“)
  • Bookshelf Fantasies (englisch; „[…] by the end I was hopelessly caught up in the emotional impact of the story and very much invested in Ove and his ragtag gang of neighbors and partners in crime, so to speak.“)
  • Literatwo („[…] ein poetischer, magischer Roman voll von schwarzem Humor.“)

Bildquelle Cover: Sceptre Books
Bildquelle Häuserreihe: Dreamstime
Bildquelle Autor: Simon & Schuster

Rezension – Nussschale

Nussschale.jpegNussschale | Ian McEwan | Diogenes | erschienen 2016
aus dem Englischen: Nutshell | Übersetzer: Bernhard Robben
Hardcover: ISBN 978-3-257-06982-2 | 22€
E-Book: ISBN 978-3-257-60777-2 | 18,99€
Leseprobe

Trudy hat ein Verhältnis. Damit ist sie bestimmt nicht die einzige, aber erstens hat sie dieses Verhältnis mit Claude, dem Bruder ihres Mannes John, und zweitens gibt es einen Zeugen des Verhältnisses: einen sehr neugierigen, fast neun Monate alten Fötus in Trudys Bauch. Dieser ist Zuhörer, als Trudy und Claude einen Plan schmieden …

Wenn ein Buch mit dem Satz

So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau.
– S. 9

beginnt, dann macht das schon mal deutlich, dass dies kein Buch wie jedes andere ist. Zum einen wird schnell klar, dass es sich hier um eine sehr außergewöhnliche Hauptperson handelt.
Das Buch ist eine Hommage an Hamlet von William Shakespeare, hat aber eindeutig auch Charme für Leser, die den Hamlet nicht kennen – was auf mich zutrifft. Natürlich wusste ich, dass es dieses Stück gibt, aber ich hätte nicht einmal grob sagen können, worum es da nun geht. Nachdem ich das schnell gegoogelt hatte, offenbarte sich die ein oder andere Überschneidung: die moderne Gertrude in Form von Trudy, sowie deren Affäre Claudius, aus dem hier Claude wird, ebenso Rachegedanken des Sohnes. Außerdem macht McEwan immer wieder Anspielungen auf andere Dinge, wie „Sein oder Nichtsein“ und ich habe vermutlich den allergrößten Teil der Anspielungen nicht verstanden. Wie gesagt, macht es die Unkenntnis des Hamlet aber keineswegs zu einer weniger guten Lektüre.
Zum einen ist das Baby, auch ohne Vorwissen über Hamlet, ein echter Knüller. Bereits auf den ersten paar Seiten hat es bei mir für Lacher gesorgt. Das Buch wird komplett aus seiner Sicht erzählt, in der Ich-Perspektive, und handelt sich quasi um einen einzigen Monolog, wenn man einmal von den „belauschten“ Gesprächen Trudys absieht. Das Baby widmet sich sowohl den eher banalen Dingen, wie dem Wetter, als auch philosophischen Fragen, Podcasts, die seine Mutter sich anhört und natürlich: der Affäre Trudys. In Bezug darauf drehen sich seine Gedanken zunächst nur um seine Abneigung gegenüber Claude, zunehmend geht es aber auch um Trudy und Claudes Plan und wie seine Möglichkeiten sind, diesen aus dem Mutterleib heraus zu verhindern.

Nicht jedermann weiß, wie es ist, den Penis des Rivalen seines Vaters nur wenige Zentimeter vor der eigenen Nase zu haben.
– S. 37

Das Baby ist in seinen Ansichten sehr zynisch und philosophiert beispielsweise vor sich hin, welches Land denn nun optimal wäre, um darin geboren zu werden – und was für sein Geburtsland England spricht. Darin blitzt immer mal wieder der sehr schwarze, sehr britische Humor hervor, den ich zu lieben gelernt habe. Allerdings hat mir diese besondere Erzähler nicht immer gefallen. Manchmal erschien es mir zu zugespitzt und überzeichnet: dieser zynische, manchmal fast boshafte, zu Ausschweifungen neigende und weinliebende, fast durchgehend angeheiterte, zukünftige Mensch. Manchmal war es für mich einfach zu viel des Guten.

Ich teile mir gern ein Glas Wein mit meiner Mutter. Womöglich haben Sie es längst vergessen oder auch nie erlebt, wie herrlich ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmeckt […] oder ein Sancerre […].
– S. 17

Damit erweist er sich schonmal als besserer Weinkenner als ich es vermutlich je sein werde.
Die anderen Charaktere, also Mutter Trudy, Vater John und Liebhaber Claude, sind sehr eindrücklich aus Sicht des Babys beschrieben. Das Baby lässt sich nicht lang und breit über die Charakterzüge seines Umfelds aus, sondern geht viel mehr auf deren Verhalten und Handlungen ein. Dadurch fiel es mir leicht, mir ein eigenes Bild zu schaffen und es gab diese Diskrepanz zwischen den Beschreibungen eines Charakters und dem Empfinden eines Lesers über den Charakter nicht. Andererseits beeinflusst die Perspektive des Erzählers natürlich die Perspektive des Lesers. So kann man Claude gar nicht wirklich als sympathisch empfinden, da das Baby zu viel Hass gegenüber seinem Onkel empfindet. Und bei Trudy fühlt man sich, wie der Kleine, hin- und hergerissen zwischen Abneigung gegenüber der Frau, die ihren Mann betrügt und sich zudem nicht wirklich vorbildlich verhält was die Schwangerschaft angeht (wie sonst kann ein Fötus über Burgunder und Sancerre Bescheid wissen?), und die unabdingbare Liebe eines Kindes gegenüber seiner Mutter. John steht da noch im besten Licht da: der Künstler, immer knapp bei Kasse, in „hoffnungsloser Liebe zu ihr“ (S. 30) gefangen, der sich eigentlich nur seine Frau zurückwünscht.
Davon einmal abgesehen, haben mich aber die Geschichte selber und die übergeordnete Idee, ein Ungeborenes als Erzähler zu haben, überzeugt. Dafür spricht schon, dass ich das Buch innerhalb weniger Stunden verschlungen habe. Es ist eine schöne Lektüre, die mich auch immer wieder zum Nachdenken angeregt hat: über elementare Dinge wie eine Schwangerschaft, aber auch über manche Absurditäten unserer Zeit und unserer Welt.
Allerdings haben sich die Monologe des zukünftigen Erdenbewohners manchmal doch zu sehr gezogen. Besonders zum Ende habe ich teilweise ganze Absätze nur noch überflogen, ohne genauer zu lesen. Das mag teilweise daran gelegen haben, dass ich wirklich unbedingt wissen wollte, welches Ende Trudy, Claude und das Baby nehmen. Aber hauptsächlich lag es daran, dass mich die gedanklichen Ergüsse wenig bis gar nicht fesseln konnten.

Alles in allem habe ich das Gefühl, dass dieses Buch durchaus bereichernd ist: mit seiner ungewöhnlichen Perspektive, seinem Witz und Zynismus hat es mir gut gefallen. Insbesondere zum Ende hin hätte man in meinen Augen den ein oder anderen Monolog aber durchaus kürzen können.

Keine Wahrheit schränkt das Leben so sehr ein wie die folgende: Es ist immer jetzt, immer hier, nie dann und da.
– S. 56

4Sterne

 

photo credit: Annalena McAfee
photo credit: Annalena McAfee

Über Ian McEwan:
McEwan wurde 1948 in Aldershot, GB, geboren und lebte bis zu seinem zwölften Lebensjahr mit seiner Familie im Ausland (u.a. Lybien, Singapur und Deutschland), da sein Vater Soldat war. Er studierte englische Literatur in Brighton und Norwich. Seine ersten Werke waren Kurzgeschichten-Sammlungen, die erste wurde 1975 veröffentlicht und wurde im Jahr darauf bereits mit einem Preis ausgezeichnet. 1978 erschien sein erster Roman, zwanzig Jahre später gewann er den Man Booker Prize für seinen Roman Amsterdam. Für den Preis war er insgesamt sechs Mal nominiert, daneben erhielt er zahlreiche andere Auszeichnungen, auch international.
Er ist in zweiter Ehe seit 1997 mit Annalena McAfee, ehemalige Redakteurin bei The Guardian, verheiratet. Mit seiner ersten Frau Penny Allen hat er zwei Söhne.
Quelle: Wikipedia

Weitere Meinungen zum Buch:

Rezension – Der Junge, der vom Frieden träumte

Der Junge, der vom Frieden träumte | Michelle Cohen Corasanti | Fischer | erschienen 2016
aus dem Englischen: The Almond Tree | Übersetzerin: Adelheid Zöfel
Taschenbuch: ISBN 978-3-596-03283-9 | 9,99€
E-Book: ISBN 978-3-10-403392-1 | 9,99€
Leseprobe

Nachdem Ahmed beobachten muss, wie seine 2jährige Schwester Amal von einer Bodenmine getötet wird, ist nichts mehr, wie es zuvor war. Als kurz danach sein Vater verhaftet wird, muss der 12 Jahre alte Ahmed für seine Familie sorgen. Doch dann eröffnet sich ihm eine unglaubliche Chance: er erhält ein Stipendium für die Universität in Tel Aviv. Für ihn ist es der Weg aus der Armut und auch seiner Familie will er unter die Arme greifen. Aber er ist der einzige Palästinenser an einer israelischen Universität und auch die Palästinenser nehmen es ihm übel, dass er sich mit dem Feind einlässt.

Wenn wir etwas über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser hören, dann meistens nur, weil es im Gaza-Streifen einen Selbstmordanschlag gab. Und ehrlich gesagt, ging es mir persönlich immer so, dass ich zwar durchaus verstand, dass die Situation im Gaza-Streifen nicht in Ordnung ist, aber letztendlich habe ich den Israelis ihren Staat schon sehr gewünscht. Umso wichtiger erscheint es mir, dieses Buch zu lesen. Es zeigt die Perspektive Palästinas auf und der Autorin gelingt das Kunststück, die Fehler beider Seiten aufzuzeigen, ein zutiefst hoffnungsloses Buch zu schreiben und doch Hoffnung zu wecken.
In diesem Buch werden viele Themen vereinigt, ohne das Buch dabei zu überladen. Vorherrschend ist natürlich die Situation in Palästina und das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern. Mir war nie klar, wie sich der Aufbau des Staates Israels letztendlich vollzogen hat. Der genaue Ablauf wird im Buch zwar nicht dargestellt, aber ich denke, es wird doch deutlich, dass wir uns öfters auch mal mit der Seite der Palästinenser auseinandersetzen sollten. Denn wie die Heiligen haben sich die Israelis, besonders zu Beginn dieses Buches, in den 50er Jahren, nicht verhalten. Und hier bildet sich ein Dilemma, das mich auch sehr beschäftigt hat: wie schon erwähnt, wünscht man den Juden ihren Staat. Aber der Westen hat sich des Problems natürlich ein Stück weit auch entledigt, indem man nach dem Zweiten Weltkrieg einfach beschlossen hat, den Juden einen Teil Palästinas zuzuschlagen. Dass die einheimische Bevölkerung sich danach im Stich gelassen fühlte, wird im Buch deutlich – und verständlich. Durch die palästinensische Sichtweise kann man sich sehr gut in die Gefühlswelt der Araber einfühlen. Es wird aufgezeigt, wie oft die Palästinenser auf Hilfe aus der internationalen Gemeinschaft hofften und wie oft sie diese auch dringend nötig hätten – diese sich aber einfach nicht rührte. So werden auch viele andere Entwicklungen im Nahen Osten während des Buches nachvollzogen und letztendlich verständlich. Insbesondere hat mich hierbei die Hinwendung zur Hamas beschäftigt. Gegen Ende des Buches reist Ahmed in den Gaza-Streifen zu seinem Bruder – und wird Zeuge eines Elends, dass sich vermutlich nur noch die Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg vorstellen können. Die abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit der Menschen dort wird von der Autorin mit wenigen Worten und doch tief berührend wiedergegeben. Allein während dieser Episode bin ich mehrmals den Tränen nahe gewesen. Es wird nicht der Versuch unternommen, die Taten der Hamas zu verteidigen. Aber es wird gezeigt, warum die Menschen sich der Hamas überhaupt anschlosssen. Und obwohl man nie in der gleichen Situation war (und ich auch die Hoffnung habe, es nie sein zu müssen), konnte ich deren Beweggründe nachvollziehen. Wenn die eigenen Kinder keinerlei Ausssichten haben und sich die Weltengemeinschaft nicht für das Elend der eigenen Bevölkerungsgruppe interesssiert, kann ich nachvollziehen, warum ein Selbstmordanschlag zu einem letzten verzweifelten Mittel der Aufmerksamkeitsschaffung wird. Natürlich ist es das nicht für alle, oft genug stecken ideologische Gründe dahinter. Aber dass dies nicht immer der Fall ist, wird hier schön dargestellt.

„Sie hindern mich daran, meinen Verstand zu gebrauchen, also muss ich meinen Körper einsetzen. Er ist die einzige Waffe, die mir noch geblieben ist.“
– Khaled Hamid, S. 383

Gleichzeitig wird der Wahrheitsgehalt des Sprichworts „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ wieder einmal bewiesen. Vielleicht das Inspirierenste an diesem Buch ist, dass  die Palästinenser (zumindest in diesem Buch) selbst in den elendesten Situationen lachen können und Gründe zum Feiern finden. Besonders im Gaza-Streifen wird aber auch deutlich, dass es, wenn die Hoffnung einmal gestorben ist, kaum noch Gründe zum Leben gibt. Dadurch wurde das Buch für mich auch zu einer hochemotionalen Lektüre. Ich saß sehr oft in der Bahn und konnte die Tränen nicht zurückhalten.
Corasanti schafft mit wenigen Worten ein Gefühl für die Personen und die Atmosphäre zu schaffen. Es geht weniger darum, in ewig langen Paragraphen die Landschaft oder Situationen beschreiben. Manchmal ist fast erschreckender, wie sachlich sie über furchtbare Vorgänge schreibt.
Weniger sachlich beschreibt sie die Charaktere. Besonders Ahmed lernt man im Laufe der Geschichte ziemlich gut kennen – verständlicherweise, denn das Buch wird komplett aus seiner Perspektive geschrieben. Man kann richtig mit ihm fühlen und im größten Teil des Buches auch mit ihm leiden. Während des Buches war ich aber nicht immer ganz warm mit ihm. Es erschien mir oft so, dass er sich nach dem Erhalt des Stipendiums ein bisschen aus der Verantwortung zieht. Er schickt seiner Familie zwar Geld, aber er ist meiner Meinung nach sehr naiv in dem Glauben, dass dies alles verändert. Meiner Meinung nach verschließt er die Augen vor der Realität und sieht oft nur, was er sehen will. Durch seine Hilfe geht es seiner Familie zwar gut, aber dem Großteil der Menschen in Palästina und dem Gaza-Streifen geht es eben nicht gut. Das scheint ihn aber kaum zu kümmern, bis ihm klar wird, dass sein Bruder davon betroffen ist. Natürlich kann ein einzelner Mensch nicht die Welt ändern, aber ich habe mir oftmals mehr Einblick in das Leben der Palästinenser gewünscht. Und ich fand es sehr verwirrend, dass Ahmed so über das Elend im Gaza-Streifen erstaunt ist.
Allerdings ist der Nahostkonflikt nicht das einzige Thema des Buches. Wie ein roter Faden zieht sich auch Ahmeds Liebe zu den Naturwissenschaften durch die Geschichte. Sie ist sein Weg aus dem Elend seines Heimatlandes und bietet ihm die Möglichkeit, seiner Familie zu helfen. Außerdem werden die Wissenschaften im Buch auch zu Friedensstiftern. Sie zeigen, dass man über alle geographischen, sexuellen und religiösen Grenzen hinweg Freundschaften schließen kann. Daraus ergibt sich das Hoffnungsvollste an diesem Buch: Freundschaft und Frieden sind hier möglich und es erscheint gar nicht so abwegig, dass die Menschheit vielleicht doch eines Tages aus Büchern lernt – hoffen kann man das zumindest!

Ich denke, was die Huffington Post geschrieben hat, stimmt: „[The Almond Tree is] an epic drama of the proportions of The Kite Runner, but set in Palestine.“ Ein unglaublich berührendes Buch, das ich nur empfehlen kann und welches viel mehr im Gespräch sein sollte. Also: lest es!

goldene_SterneÜber Michelle Cohen Corasanti:
Corasanti wurde Mitte der 1960er im Bundesstaat New York geboren. Mit sechzehn wurde sie von ihren jüdischen Eltern nach Israel geschickt, unter anderem um Hebräisch zu lernen. Dort machte sie ihren Abschluss in Nahostwissenschaften. Sie ist mittlerweile Anwältin für Menschenrechte. Der Junge, der vom Frieden träumte ist ihr erstes Buch.
Quelle: Buch, Website zum Buch (die Seite solltet ihr besuchen; Corasantis Biographie ist unglaublich interessant – ich konnte sie hier leider nicht komplett wiedergeben)

Weitere Meinungen zum Buch:

Kaufen könnt ihr das Buch beim Fischer Verlag und auf buecher.de

Rezension – Realitätsgewitter

realitaetsgewitter
Quelle: Aufbau Verlag

Realitätsgewitter | Julia Zange | Aufbau | erschienen 2016
Hardcover: ISBN 978-3-351-03658-4 | 17,95€
E-Book: ISBN 978-3-8412-1172-9 | 12,99€
Leseprobe

Marla wirkt wie das Musterbeispiel einer deutschen Studentin: Sex, Drogen, eher wenig Uni, dafür viel Party, den Lebensstil lässt sie sich von ihren Eltern finanzieren, zu denen sie ansonsten kein Verhältnis hat und eigentlich weiß sie nicht so genau, wohin mit sich. Doch plötzlich bekommt ihre Fassade Risse und Marla fragt sich, ob das eigentlich wirklich ihr Leben ist, so wie sie es haben will. Eine Reise in ihre Heimat führt sie schließlich nach Sylt – immer auf der Suche nach sich selbst.

Marla ist schnell zu einer dieser Protagonisten geworden, zu denen ich ein ambivalentes Verhältnis habe. Einerseits konnte ich mich stellenweise gar nicht in sie einfühlen. Ihr Lebensstil unterscheidet sich zu stark von meinem und auch viele ihrer Ansichten konnte ich nicht teilen. Beispielsweise verstand ich nicht, wieso sie sich von ihren Eltern aushalten lässt – eine Sache, die mir zutiefst zuwider wäre. Sie lebt besonders zu Beginn ein Leben, das für mich niemals das Richtige sein könnte. Die Menschen, die sie um sich schart, entsprechen so gar nicht den Menschen in meinem Freundeskreis.
Andererseits fiel es mir oft erstaunlich leicht, mich in sie einzufühlen. Ihre verzweifelte Suche nach Zuneigung kann einen vermutlich gar nicht kaltlassen und bei der Konfrontation mit ihrer Mutter hat sie mir unglaublich leid getan.
Der Schluss war mir zu schwammig. Als sie von Sylt nach Berlin zurückkehrt, ist sie verändert, fühlt sich anders. Mir hat sich aber nicht erschlossen, was diesen Wandel bewirkt hat. Sie wirkt auf mich durchaus anders, entschlossener, mit sich selber eher im Reinen, als hätte sie etwas überwunden. Mir gefällt diese Marla ehrlich gesagt besser. Aber warum sie sich nun verändert hat, das wurde mir nicht klar.
Zudem hatte ich immer das Gefühl, dass die Autorin mir unbedingt etwas sagen will, die Moral von der Geschicht‘ quasi. Gleichzeitig hatte ich auch das Gefühl, dass ich einfach nicht auf diese Moral komme und kommen werde. Und das hat mich mit einer leichten Frustration zurückgelassen. Natürlich kann man sich dadurch seine eigenen Gründe zusammenreimen und sich möglicherweise auch eher mit Marla identifizieren. Aber ich bin und war kein „Zwischen den Zeilen lesen“-Typ. Daher hat mir das ein bisschen sauer aufgestoßen.

Marla und ihr Leben bieten die Möglichkeit, sich mit ihr zu identifizieren – sie scheint von allem etwas mitzunehmen. Der Schreibstil ist gut zu lesen und mit 157 Seiten ist es auch kein übermäßig dickes Buch. So ganz überzeugen konnte es mich allerdings nicht.

Tatsächlich habe ich gerade gar keine Ahnung, wo ich hingehöre, wer ich bin, was ich mit meinem Leben machen soll, ob alles eine Lüge ist oder ob ich eine Lüge bin.
– Marla (14% Kindle Edition)

4Sterne

Über Julia Zange:
Zange wurde 1987 geboren und studierte in Berlin Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Ihr erster Roman, Die Anstalt der besseren Mädchen, erschien 2008. Außerdem veröffentlichte sie mehrere Kurzgeschichten.
Julia Zange ist auch als Schauspielerin tätig und debütierte als Hauptdarstellerin in dem Film Mein Bruder Robert, der 2017 erscheinen wird.
Quelle: Wikipedia

Live erleben kann man die Autorin am 17. und 24. November in Berlin. Mehr Infos dazu auf der Website des Aufbau Verlags.

Weitere Meinungen zum Buch:


Vielen Dank an NetGalley und den Aufbau Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Rezension – Nach einer wahren Geschichte

Nach_einer_wahren_GeschichteNach einer wahren Geschichte | Delphine de Vigan | Dumont | erschienen 2016
aus dem Französischen: D’après une histoire vraie | Übersetzerin: Doris Heinemann
Hardcover: ISBN 979-3-8321-9830-5 | €23,-
E-Book: ISBN 978-3-8321-8927-3 | €18,99
Leseprobe

Bei einer Party lernt die zurückhaltende Autorin Delphine die elegante L. kennen und ist von ihr beeindruckt. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Doch L. sorgt mit ihrer leidenschaftlichen Meinung, dass Delphine ein wahres und kein fiktionales Buch schreiben soll, bei dieser für Verunsicherung, die schließlich dazu führt, dass Delphine nicht mehr schreiben kann. L. übernimmt immer mehr Aufgaben für sie und distanziert Delphine von deren Freunden. So ist sie allein, als sie merkt, dass L. ihr immer ähnlicher wird.

Auf Vorablesen.de konnte ich die Leseprobe des Buches lesen und wollte danach unbedingt wissen, wie es weitergeht; ob es der Autorin gelingt, auch im weiteren Verlauf des Buches die Spannung aufrechtzuerhalten, die sich bereits in der Leseprobe entwickelt. Nach dem Lesen kann ich sagen: ja, es gelingt ihr. Dieses Buch hat meine Erwartungen eindeutig erfüllt, womöglich sogar noch übertroffen.
Einmal angefangen konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. De Vigan beschreibt zunächst, wie sich die Freundschaft zwischen ihr und L. entwickelt, doch da sie immer wieder Andeutungen fallen lässt, dass die Freundschaft kein gutes Ende nimmt, ist man voller Erwartung. Man will unbedingt wissen, was zwischen ihr und L. vorfällt, wie und wodurch die Freundschaft in die Brüche geht. Hinzu kommt ein Ende, dass für mich gleichzeitig befriedigend und enttäuschend war und so schnell bestimmt nicht in Vergessenheit gerät. So wird das Buch zu einem Pageturner, der mich nicht mehr losgelassen hat und sogar Gegenstand meiner Träume wurde.
Gleichzeitig spielt die Autorin mit Fantasie und Realität und vermischt die beiden so geschickt, dass man sich während des Lesens unwillkührlich immer fragt: Was ist autobiographisch? Was ist Fiktion? Gut möglich, dass auch dies einen Reiz des Buches ausmacht, der unbedingte Wille zu erfahren, wie viel auf der Wahrheit beruht.
Hinzu kommt, dass mir der Schreibstil sehr gut gefallen hat. Da es aus Delphines Sicht geschrieben ist, kann man sich sehr gut in sie einfühlen. Ich fand es auch erstaunlich, dass ich mich oft mit ihr identifizieren konnte, obwohl sie aus einer ganz anderen Altersgruppe mit ganz anderen Erfahrungen und Sorgen kommt. Dennoch viel es mir meistens sehr leicht, mich in sie einzufühlen, ihre Handlungen und Gedanken zu verstehen.

Ich kann euch dieses Buch nur empfehlen, es ist eine spannende Geschichte über die Mischung von Realität und Fantasie und hat mich lange beschäftigt.

Menschen, die die echten, die wichtigen Fragen stellen, sind selten.
– Delphine de Vigan (S. 41)

5Sterne

Über Delphine de Vigan:
Vigan wurde 1966 geboren. Unter dem Pseudonym Lou Delvig erschien 2001 ihr erster Roman, der Durchbruch gelang ihr 2007 mit No et moi (dt.: No & ich). Seitdem lebt sie vom Schreiben und gilt seit Rien ne s’oppose à la nuit (dt.: Das Lächeln meiner Mutter) von 2010 als eine der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Frankreichs.
Zusammen mit ihren Kindern lebt sie in Paris.
Quelle: Dumont Verlag & Wikipedia

Kaufen kann man das Buch bei buecher.de


Vielen Dank an Vorablesen.de und den Dumont Verlag für das Rezensionsexemplar!

Ein ganz besonderes Jahr

Quelle: Piper
Quelle: Piper

Ein ganz besonderes Jahr | Thomas Montasser | Piper | erschienen 2016
ISBN 978-3-492-30689-8 | 8.99€ (Taschenbuch)
Leseprobe

Über Thomas Montasser:
Montasser wurde 1966 in München geboren, wo er auch heute noch mit seiner Frau und den drei Kindern lebt. Er ist besonders bekannt unter dem Pseudonym Fortunato.
Er studierte Jura, nachdem er Zivildienst in einer Klinik geleistet hatte. Nach dem Studium arbeitete er als Journalist und Herausgeber, insbesondere von Sachbüchern und Ratgebern. 2001 wandte er sich wieder der Literatur zu – sein Roman Die verbotenen Gärten erschien in dem Jahr.
Quelle: Wikipedia

Als Valeries Tante verschwindet, verfügt sie, dass ihre Nichte sich um ihren Buchladen kümmern soll. Diese beschließt, den Laden aufzulösen und ist als Betriebswirtin auch bestens dafür geeignet. Doch dann verfällt sie immer mehr dem Charme der kleinen Buchhandlung und den literarischen Schätzen, welche diese birgt. Eines Tages entdeckt sie ein mysteriöses Buch, das mitten in der Handlung endet. Sie hält es für einen Fehldruck und will es wegschmeißen, bis ein Kunde den Laden betritt, der dieses Büchlein offenbar seit längerem sucht.

Dieses Buch ist eines der Bücher, bei denen es mir unglaublich schwer fällt, eine Rezension zu schreiben. Aus dem einfachen Grund, dass ich sprachlos bin. Und zwar nicht weil das Buch furchtbar schlecht wäre, sondern aus genau dem Gegenteil: es hat mich sehr berührt, diese Geschichte zu lesen.
Es geht darin um etwas, das mir sehr bekannt ist, nämlich die Liebe zu guten Geschichten. Sehr oft konnte ich mich in Valerie wiedererkennen, wenn sie wieder einmal für Stunden in einem Buch versinkt, ohne besonders viel von der Außenwelt wahrzunehmen.
Besonders gefallen hat mir, wie sie sich verändert, nachdem sie den Buchladen übernimmt. Als hätten ihr die Bücher geholfen, festzustellen, was sie eigentlich will in ihrem Leben. Und auch die Idee, die hinter dem scheinbar unvollendeten Buch steckt, fand ich sehr berührend. Man merkt einfach, wie Valerie den Büchern immer mehr verfällt, ohne dabei sich selbst aus den Augen zu verlieren.
Toll fand ich auch, dass zwar regelmäßig Bücher erwähnt werden, die ich nicht kannte, oder an die ich mich noch nicht gewagt habe, aber dass der Autor es trotzdem schafft, dies nicht überheblich wirken zu lassen. Dies mag daran liegen, dass Valerie eigentlich keine Ahnung von Literatur hat und Bücher liest, die ihr gefallen. Dass es sich dabei in erster Linie um anspruchsvolle Literatur handelt, scheint eher Zufall zu sein. So hat dieses Buch in mir den Wunsch geweckt, mich auch einmal an ein paar dieser Bücher zu machen und sie zu lesen – schon allein, weil Valeries Begeisterung sehr ansteckend ist.

Ein Buch zu entdecken, das bedeutete, sich frei über die Notwendigkeiten des Alltags zu erheben und auch das eigene Leben für die Dauer der Lektüre aus dem Hier und Jetzt zu pflücken, um es an einen anderen Ort zu verpflanzen.
(76% Kindle Edition)

5Sterne

The Little Paris Bookshop

Quelle: Abacus
Quelle: Abacus

The Little Paris Bookshop | Nina George | Abacus | erschienen 2013
ISBN 978-0-349-14037-7 | £8.99

Über Nina George:
Die Autorin wurde 1973 in Bielefeld geboren, verließ 1991 vor dem Abitur die Schule und machte eine journalistische Ausbildung. Nebenbei arbeitete sie in der Gastronomie. 1997 erschien ihr erstes Buch Gute Mädchen tun’s im Bett, böse überall. Die Idee dazu kam ihr, nachdem ein Kneipen-Gast sich ihr gegenüber besonders aufdringlich verhalten hatte. Seit 1993 ist sie als Journalistin und freie Schriftstellerin tätig.
Sie schreibt auch unter dem Pseudonym Anne West und ihrem Ehenamen Nina Kramer. Zusammen mit ihrem Ehemann schreibt sie unter dem Namen Jean Bagnol. Bisher hat sie mehr als 20 Bücher unter den verschiedenen Namen veröffentlicht.
Quelle: Wikipedia

Auf einem Boot auf der Seine hat Jean Perdu seine literarische Apotheke eröffnet. In diesem Buchladen verkauft er seinen Kunden Bücher, die deren Seele zu ein wenig Frieden verhelfen. Das funktioniert immer – außer bei ihm selbst. Als dann auch noch ihm gegenüber eine neue Nachbarin einzieht und sein Leben durcheinander wirbelt, animiert dies Perdu dazu, Paris zu verlassen (samt Buchladen und einem Autoren, der vor seinen Fans und seinem Verleger flieht) und sich auf die Suche nach der Liebe seines Lebens zu machen.

Vor ein paar Tagen hat Lotta vom Blog Lottas Bücher auf Tumblr geschrieben: „Kennt ihr das? Dieses Gefühl, wenn ihr ein neues Buch anfangt und ihr euch sofort wie zu Hause fühlt? Solche Bücher sind mir von Anfang an immer die liebsten.“ Obwohl sie sich auf ein anderes Buch bezog, hat sie damit sehr genau in Worte gefasst, wie ich mich gefühlt habe, als ich angefangen habe, dieses Buch zu lesen. Es ist eine unglaublich berührende Geschichte, die sich eröffnet. Und obwohl sie einige ernste Themen behandelt und von einer deutschen Autorin stammt, wird trotzdem der Flair Frankreichs und seiner Bewohner auf schöne und in Erinnerung bleibende Weise wiedergegeben.
Nina George hat in dieses Buch einige Themen gepackt, ohne dass es jemals überladen wirkt. Über allem steht es, zu leben. Eine Kundin sagt in dem Buch einmal zu Perdu:

„I’ve often wondered why people don’t write more books about living. Anyone can die. But living?“
– „The Grandma“ (S. 21)

Mit The Little Paris Bookshop hat man ein Buch in der Hand, das genau davon handelt: dem Leben. Es berichtet von den Freuden des Lebens und es ist eine Geschichte davon, sein Leben auch wirklich zu leben, alles zu genießen, was es zu bieten hat: Freundschaft, Liebe, Bücher, tanzen, Sterne am Himmel zählen, gutes Essen, ja, auch mit einem geliebten Menschen zu schlafen und noch Millionen andere Dinge, die das Leben lebenswert machen. Teilweise waren es die kleinsten Nuancen, die in diesem Buch den Unterschied gemacht haben.
Aber es geht eben auch um die traurigen Seiten, insbesondere um den Verlust eines geliebten Menschen. Und das hat Nina George auf sehr außergewöhnlich Art verarbeitet: mit viel Feingefühl, aber doch auch immer dem Fokus darauf, dass das Leben weitergeht. Damit hat sie mir regelmäßig Tränen in die Augen getrieben.
Sehr gut gefallen hat mir auch, dass die Leidenschaft Perdus für Bücher auf sehr ansprechende Weise wiedergegeben wird. Sie ist in vielen seiner Aktionen zu spüren – und geht Hand in Hand mit seiner Zuneigung für Kunden, denen es genau so geht. Besonders gut fand ich, dass ich mich hierin wirklich wiederfinden konnte. Mir passiert es oft, dass ich Bücher über die Leidenschaft zu Büchern lese (vor kurzem beispielsweise 84, Charing Cross Road von Helene Hanff) und mir unglaublich klein vorkomme. Da geht es um Klassiker (die ich zum größten Teil noch nicht gelesen habe) und Lyrik (die mich noch nie wirklich gereizt hat) und alles andere wird als ein Stück weit „verpönt“ dargestellt. In The Little Paris Bookshop ist das nicht der Fall. Es geht um die Liebe zu Büchern der Bücher wegen – ob das nun Gregs Tagebuch oder Jane Austen ist, spielt keine Rolle. Und ich halte das für wichtig. Letztendlich ist es erst einmal wichtig, dass überhaupt gelesen wird. An anspruchsvolle Lektüre kann man sich ja langsam herantasten.

Meiner Meinung nach ist dieses Buch ein kleines Plädoyer dafür, niemals zu vergessen, dass Schicksalsschläge nicht unser ganzen Leben bestimmen sollten. Es gibt immer einen Grund, weiter zu machen. Es geht auch darum, über sich selbst hinauszuwachsen und einmal aus der eigenen kleinen Wohlfühl-Blase hinauszugehen, über den Tellerrand zu schauen, sich etwas zu trauen. Und es geht um die Liebe zu Büchern, die einen durch jede Lebenslage bringen können – wenn man es nur will.

„Never listen to fear! Fear makes you stupid.“
– Jean Perdu (S. 122)

goldene_Sterne

Life of Pi

Life_of_PiLife of Pi | Yann Martel | Canongate | erschienen 2001
ISBN 978-0-85786-553-3 | £8.99

Über Yann Martel:
Martel wurde 1963 in Spanien geboren, wo seine kanadischen Eltern sich zu der Zeit aufhielten. Während seiner Kindheit und Jugend lebte die Familie u. a. in Alaska, Kanada, Frankreich, Costa Rica und Mexico;; später bereiste er beispielsweise Indien, den Iran und die Türkei. In Peterborough (Kanada) studierte er Philosophie; 1993 erschien sein erstes Buch, eine Kurzgeschichtensammlung. Während die Titelgeschichte davon 1994 verfilmt wurde, entwickelte sich sein erster Roman Self (1996) zu einem Flop. 2001 gelang ihm schließlich mit Life of Pi der Durchbruch, 2012 wurde das Buch verfilmt, der ein großer Erfolg auch in Deutschland war. Seitdem hat er noch zwei weitere Werke veröffentlicht.
Quelle: Wikipedia

Pi ist der Sohn eines indischen Zoodirektors, der aus wirtschaftlichen Gründen nach Kanada auswandern will. Daher begibt sich die Familie und ein Großteil des Zoos auf einen Frachter. Dieser gerät jedoch in einen Sturm und kentert. Als einziger Überlebender findet sich Pi zusammen mit einem Zebra, einem Orang-Utan, einer Hyäne und einem Tiger in einem Rettungsboot wieder. In dem darauffolgenden Überlebenskampf tötet die Hyäne zunächst das Zebra und den Orang-Utan, bevor sie selbst von dem Tiger getötet wird. Pi kann sich zunächst auf einem selbstgebautes Floß retten und beginnt, den Tiger zu zähmen. Dabei macht er sich insbesondere dessen Seekrankheit zunutze. Über die Monate auf See wachsen die beiden immer mehr zusammen, insbesondere, da sie in gewisser Form abhängig voneinander sind.

Seitdem der Film 2012 veröffentlicht wurde, wollte ich dieses Buch lesen. Ich bin einfach nicht wirklich der Film-Typ und Bücher gefallen mir normalerweise besser. Als ich also vor kurzem an einem Büchermarkt vorbeigekommen bin, wo es das Buch für 50 Pence gab, konnte ich daher nicht widerstehen.
An und für sich hat es gut angefangen mit der Erklärung, wie Piscine Molitor Patel zu seinem Spitznamen Pi kommt und über seine ersten Lebensjahre. Aber in meinen Augen haben sich die ersten ca. 100 Seiten schon sehr gezogen. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass es endlich auf den japanischen Frachter geht und er hat sich darüber ausgelassen, wie sich die Tiere verhalten, wie es in der Schule läuft, …
Gut gefallen hat mir an diesen ersten 100 Seiten ehrlich gesagt nur eine Sache: die Geschichte, wie der gläubige Hindu Pi sich für das Christentum und den Islam interessiert und vor allem, wie sein Umfeld darauf reagiert.
Diese „Drei-Religionen-Haltung“ von Pi macht in meinen Augen auch die immer wieder auftauchenden religiösen Bezüge lesenswert. Ich bin nicht so der gläubige Mensch und wenn darauf ein starker Fokus gelegen hätte oder Pi nicht diese sehr differenzierte Sichtweise hätte, weiß ich nicht, ob ich über diese 100 Seiten hinaus gelesen hätte. Und das wäre schade, denn danach mausert sich die Geschichte wirklich.
Auf sehr eindrückliche Weise beschreibt Martel den Überlebenskampf der vier Tiere und später auch die vorsichtige Zähmung des Tigers. Er schreibt über die Tiefs und Hochs, welche Pi durchläuft. Von der Hoffnung, gefunden zu werden; der Todesangst vor dem Tiger; die Freude über einen gefangenen Fisch. Er berichtet auch davon, wie Pi sich verschiedene Überlebenstechniken, wie das Angeln, aneignet und wie der Vegetarier seinen Ekel vor dem Fleisch überwindet. All das hat so realistisch gewirkt, dass ich mir wirklich vorstellen konnte, dass es diesen Pi gibt. Gut hat mir auch gefallen, wie sich die Beziehung zwischen Mensch und Tiger entwickelt. Pi vergisst nie, dass ihm ein hochgradig tödliches Tier gegenübersteht, aber im Nachhinein betrachtet, sieht er den Tiger als seinen Lebensretter, der Pis Lebenswillen gestärkt hat.
Ich persönlich hatte auch keine Probleme mit dem Englischen. Klar gibt es das ein oder andere Wort, insbesondere im Zusammenhang mit den Zootieren, welches ich nicht verstanden habe. Aber dieses war nie so wichtig für die Handlung, dass es meinen Lesefluss unterbrochen hätte.

Alles in allem hat mich das Buch wirklich überzeugt: es war absolut realistisch, spannend zu lesen und gut geschrieben. Wären diese verflixten ersten 100 Seiten nicht gewesen, hätte es die fünf goldenen Sterne von mir bekommen.

You must take life the way it comes at you and make the best of it.
– Pi

5Sterne