Rezension – Ein geschenkter Anfang

Auf der bretonischen Île de Groix war Lou wohlbekannt und sehr beliebt. Auch nach mehreren Jahrzehnten Ehe waren sie und ihr Mann Jo noch schwerverliebt und genossen das Leben auf Groix. Doch dann stirbt Lou und die Familie scheint daran zu zerbrechen.
In ihrem Testament gibt sie Jo den Auftrag, sich mit ihren beiden gemeinsamen Kindern Cyrian und Sarah zu versöhnen und diese glücklich zu machen. Erst danach darf er die Flaschenpost öffnen, die sie ihm vermacht hat.

Un vieillard en or avec une montre en deuil
Une reine de peine avec un homme d’Angleterre
Et des travailleurs de la paix avec des gardiens de la mer.
Cortège (Der Leichenzug) von Jacques Prévert

Von diesem Buch habe ich zum ersten Mal bei Ela von Literaturliebe gelesen und es prompt bei dem Gewinnspiel von ihr gewonnen! Mir kam dann zwar die Klausurenphase dazwischen, aber meinen ersten Urlaubstag habe ich damit verbracht, dieses Buch förmlich zu verschlingen.
Das Buch ist zwar nicht spannungsgeladen, dennoch konnte ich es kaum erwarten zu wissen, wie es verläuft. Jo ist in einer ziemlich verzwickten Situation, denn eigentlich hat er keine Ahnung, wie er seine Kinder glücklich machen kann – und nun wurde ihm auch noch eine Frist gesetzt, um dies zu erreichen. Um dies herauszufinden geht er unorthodoxe Wege ein und es war ein Spaß, darüber zu lesen.

Die Charaktere sind gut herausgearbeitet. Durch die wechselnde Erzählperspektive kommen sie alle einmal zu Wort, man kann sich in sie einfühlen und lernt sie die jeweiligen Beweggründe besser kennen.
Was mich daran ein wenig gestört hat, sind die beiden Enkelinnen Pomme und Charlotte. Obwohl sie liebenswert sind bzw. werden und es wichtig ist, auch die Kinder zu Wort kommen zu lassen, unterschieden sich ihre Gedanken in meinen Augen nicht genug von denen der Erwachsenen. Satzbau, Vokabular und Sprachweise müssten aus meiner Sicht größere Unterschiede zu denen der Erwachsenen aufweisen – und tun das leider nicht. Mir hat dies das Gefühl gegeben, dass man auf Biegen und Brechen alle einmal zu Wort kommen lassen wollte, dabei aber die Glaubwürdigkeit ein bisschen auf der Strecke blieb.

Ein Kind zu lieben bedeutet, von dem Kind Abschied zu nehmen, das man sich erträumt, in seiner Phantasie ausgemalt hat, es bedeutet, das Kind so zu akzeptieren, wie es ist, nicht wie wir es uns wünschen.
– Lou, S. 39

Der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm zu lesen und vermittelt einem zudem das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Sie schreibt jeweils aus der Ich-Perspektive und vermittelt dabei einen unmittelbaren Einblick in die Gefühlswelt der Protagonisten. Außerdem ist das Buch, und das ist mir schon länger nicht mehr untergekommen, durchgehend in der Gegenwart geschrieben.
Stellenweise gab es dann aber doch Längen in der Erzählung: teilweise lässt sich Fouchet einen Absatz lang über gefühlt nichts aus und gerade am Anfang habe ich darauf gewartet, wann es denn nun endlich losgeht. Dementsprechend schwer fiel es mir auch, wirklich in die Geschichte zu kommen.

Das alles zusammengenommen ist Ein geschenkter Anfang eine schöne Lektüre, die mich zum Lachen aber auch zum Nachdenken gebracht und Fernweh nach der Bretagne hervorgerufen hat, hatte aber auch kleine Schwächen.

Humor ist keine der Verzweiflung entsprungene Höflichkeit, sondern die Boje der Ertrinkenden, die ihre Stiefel nicht ausgezogen haben, um schneller unterzugehen.
– Jo, S. 187

Über Lorraine Fouchet:
Fouchet wurde 1956 in Neuilly-sur-Seine, einem Vorort von Paris geboren. Sie wuchs zweisprachig auf und spricht insgesamt vier Sprachen. Nach dem Medizin-Studium arbeitete sie als Notfallärztin, 1977 begann sie mit dem Schreiben von Liebesromanen.
Ihr erstes Buch erschien 1990, größere Bekanntheit erlangte sie mit L’Agence (dt.: Hundert Möglichkeiten, sein Leben zu ändern) aus dem Jahr 2003.
Sie lebt in Paris und auf der Île de Groix.
Quelle: Buch, Wikipedia


Bildquelle Cover: Atlantik Verlag
Bildquelle Leuchtturm: Visit Denmark
Bildquelle Autorenbild: La Nouvelle République

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